Erstlingswerk (3)

Windelgeschichten.org präsentiert: Erstlingswerk (3)

Es war kurz nach 15 Uhr, als wir zurück in der Stadt waren. Unterwegs hatten wir ein bisschen Laugengebäck gegessen und Wasser getrunken. An einen fettigen Burger traute ich mich nicht ran. Onkel Phil wollte gerade in Richtung Ferienhaus abbiegen, da zupfte ich ihn am Ärmel seiner Jacke. Hast du noch kurz Zeit für einen Abstecher? Ich müsste noch was erledigen, stammelte ich? Und streckte ihm das Rezept entgegen, das ich im Rucksack deponiert hatte. “Klar!”, antwortete Onkel Phil. “Und du bist dir sicher, dass du das machen willst?” Ja, das war ich. Kannst du mit reinkommen? “Klar!”. Mein Herz pochte bis zum Hals, als wir die riesige moderne Apotheke betraten, die fast auf dem Weg lag. Onkel Phil postierte sich im hinteren Bereich des Ladens. Aber immer so, dass ich ihn noch sehen konnte. “Guten Tag junger Mann”, sprach mich eine braunhaarige Frau mit weißem Kittel an, die an den Tresen trat. “Wie kann ich dir helfen”. Ich muss was abholen, nuschelte ich und schob mit knallroten Ohren das Rezept zu ihr rüber. “Ah, Okay. Kein Problem. Du müsstest dich jetzt nur noch für ein bestimmte Einlage entscheiden. Wir haben mehrere zur Auswahl!” Ach du liebe Güte. Sie führte mich in einen Raum hinterm Tresen, der voll mit den verschiedensten Windeln und Einlagen war. “Meine Ecke” war ganz links. Die kleinste Größe mit der größten Saugstärke. Fünf Hersteller, zig verschiedene Varianten. Mit Klettbändern oder ohne, für Tag oder nur für die Nacht, mit Folie ohne Folie. Mir rauchte der Kopf. Die Verkäufern erkannte schnell, dass ich keine Ahnung hatte und hielt mir schließlich eine hellblaue Windel hin: “Schau mal, die ist eigentlich ein super Kompromiss. Dick genug für die Nacht, aber auch tagsüber unauffällig genug. Die kannst du hoch und runterziehen, wie eine Unterhose. Wenn sie benutzt ist, reißt man die Bündchen an der Seite auf, Fertig. Die verkaufen wir in deiner Größe ziemlich häufig!” Ich dachte ich höre nicht richtig. Wie, häufig? Fragte ich nach. “Nun, bis zum zwölften Lebensjahr ist eines von fünf Kindern Bettnässer. Und wir haben hier auf Sylt im Sommer 100.000ende Kinder und Jugendliche in Zeltlagern. Da kommt einiges zusammen!” Kuck an, dachte ich mir. “Möchtest du gleich eine anprobieren?” Jetzt, war ich wirklich überfordert. Warum? “Solche Einlagen müssen passen. Es hilft nichts, wenn sie schlecht sitzen, reiben oder auslaufen!”. Ach so. Äh, das kann ich ja dann zu Hause machen! Und wenn sie nicht passen, tauschen wir sie einfach um. “Wie du meinst. Wir haben aber hinten auch einen Raum, in dem du dich umziehen könntest”. Ich gab mir einen Ruck. Ich hatte mich bei “Ganz oder gar nicht” für “ganz” entschieden. Frau Mayer, so hier die Verkäuferin, führte mich in einen weiteren Raum. Mit Sessel, Liege und ein paar Regalen. Die Windel legte sich auf die Liege. “Komm einfach wieder nach vorne, wenn du fertig bist. Wenn du die Einlage nicht anbehalten möchtest, dann kannst du sie hier in dem Eimer entsorgen!”. Ich bat sie noch, Onkel Phil Bescheid zu sagen, dass ich noch einen kleinen Moment brauchen würde. So, Mut zusammen nehmen und los gehts.

 

Das Handling der Windel war wirklich super-einfach. Ich zog meine Gore-Tex-Stiefel aus, dann die Latzhose, die Strumpfhose und die Unterhose Dann stieg ich in die Windel. “Vorne”-Schriftzug nach vorne. Hochziehen. Fertig. Das war ja easy. Ich betrachtete mich im Spiegel. Statt in Tränen auszubrechen, fühlte sich das völlig in Ordnung an. Natürlich nicht überragend. Wir reden hier immerhin von einer Windel. Aber das Ding war recht bequem, kratzte und knisterte nicht. Okay, man bekam einen ziemlich dicken Po. Aber das ließ sich nicht ändern. Ich beschloss, die Windeln erst zu Hause auszuziehen. Wenn sie dann immernoch gut saß, würde es heute Nacht sicher kein Problem geben. Also, alles wieder anziehen. Mit der engen Strumpfhose drüber, fiel das Windelpaket schon fast nicht mehr auf. Und als ich die Latzhose wieder anhatte, hätte ich auf den ersten Blick selbst nicht mehr sagen können, ob ich einen Windel drunter hatte, oder nicht. Ich marschierte nach vorne und verkündete Frau Mayer, dass ich mich für dieses Modell entschieden hatte. Sie hatte den passenden Karton bereits nach vorne gebracht. 50 Stück. Ein Riesending. “Das ist leider die kleinste Menge, die wir haben”, entschuldigte sie sich. Macht ja nix. Jetzt hatte Onkel Phil seinen ersten Auftritt. “Ich nehm das schon”, meinte er. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das Paket, auf dem überall groß und deutlich lesebar der Inhalt und Anwendung aufgedruckt war (für mittlere bis schwerste Inkontinenz) selbst du die Straßen zu schleppen, hätte ich einfach nicht gepackt. So weit war ich dann doch noch nicht.

 

Um ziemlich genau 16 Uhr waren wir zu Hause. Während Onkel Phil den Windelkarton in meinem Zimmer deponierte, musste in der Küche erstmal eine Flasche MIneralwasser dran glauben. Jetzt, wo die Toilette in Wurfweite war, gab’s mit der Trinkerei auch kein Problem. “Lass uns gleich die Rucksäcke ausräumen. Später haben wir dann sicher keine Lust mehr drauf”, meldete sich Onkel Phil aus meinem Zimmer zurück. “Und ich hab dann ja noch einges zu waschen”. Ich kniff die Lippen zusammen. Alles wegen mir. “Quatsch. Wann willst du eigentlich wirklich mal mit dem Selbstmitleid aufhören? Ich fand dich vorhin in der Apotheke so mutig! Du hast dich alleine für den Schritt entschieden und hast das durchgezogen. Ich kenne nicht viele Erwachsene und schon gar keinen Elfjährigen, der sich das getraut hätte. Ich bin sehr, sehr stolz auf dich!” Kann sein. Viel schlimmer konnte es ja schließlich nicht werden. Was glaubst du, wie lange werde ich die Dinger anziehen müssen? “Bis jetzt hatte Doc Eisenmann doch mit allem Recht. Also glaube ich ihm. In 14 Tagen sollte der Spuk vorbei sein.” Onkel Phils Rationalität wirkte mal wieder beruhigend auf mich. “In dem Paket waren zwei Packungen mit je 25 Windeln. Ich habe dir mal 15 Stück in den Schrank gelegt. Neben deine Unterwäsche. Du nimmst sie dir raus, wann du magst, okay!?” Klar. Und fändest du es schlimm, wenn ich ab und zu auch tagsüber so ein Teil anziehen würde? Jetzt schaute Onkel Phil ehrlich überrascht. “Nein, warum? Ich kann mir vorstellen, dass du sowas wie heute nicht noch einmal erleben willst. Ich bleibe dabei: Du entscheidest selbst, wie du das handhabst!” Okay. Dann werde ich das mal versuchen. “Eine Detail müssen wir aber noch besprechen. Es ist wirklich sehr, sehr wichtig. Nasse Windeln müssen ausgezogen werden! Immer so schnell wie möglich. Urin ist sehr aggressiv zur Haut. Da hast du Ruckzuck eine Entzündung an Stellen, an denen du ganz sicher keine haben möchtest! Außerdem fangen die Dinger ziemlich schnell an zu riechen. Deshalb wird morgens ab sofort geduscht. Immer und ohne Ausnahme. Die benutzten Windeln kommen in den Eimer im Badezimmer. Steht neben dem Waschbecken! Passt das für dich?” Ich nickte. Die nächsten 30 Minuten verbrachten wir damit, die Rucksäcke auszuräumen. Bei mir ging das schnell. War ja nicht mehr viel drin. Immerhin hatte ich zwei Sätze Klamotten “verbraucht”. Alleine beim Gedanken daran schüttelte es mich. Onkel Phil hatte mit dem versauten Overall aus dem Aquarium und dem Müllbeutel aus dem Bunker deutlich mehr zu kämpfen. Er stopfte alles in die Waschmaschine und gab reichlich Wasch- und Desinfektionsmittel dazu.

 

“Bist du fertig?” fragte er mich, als er aus dem Badezimmer kam? Fertig womit? “Die korrekte Frage lautet: wofür!” Gut, wofür. Und dann erinnerte ich mich. Das Kennenlernen mit dem Therapeuten. Das hatte ich ja völlig vergessen. “Um 17 Uhr sollst du da sein, um 19 Uhr werde ich dich wieder abholen!” Das war ja grundsätzlich kein Problem. Ich hatte nur noch die Windeln an und wollte ungern gleich beim ersten Termin mit dem Seelenklempner in Windeln auflaufen. In einer trockenen Windel, um genau zu sein. Keine Chance. Onkel Phil schob mich bereits Richtung Auto. “Los jetzt, wir sind eh schon spät dran!” Im Auto blieb Onkel Phil seiner Linie treu. Alles kann, nichts muss. “Du weißt selbst, was du wann mit Marc Breier besprechen willst, und was nicht! Wenn du willst, kannst du ihn auch zur absoluten Verschwiegenheit verpflichten. Dann erfährt nichtmal deine Mama, was ihr während der Sitzungen besprecht!”

 

Ich war natürlich pünktlich. Marc Breier aber nicht. Onkel Phil hatte mit um Punkt 17 Uhr am Empfang seiner Praxis abgeliefert und die Formalitäten geklärt. Die Sprechstundenhilfe, die in dieser Praxis Assistentin hieß, führte mich in ein Zimmer, in dem ich Marc Breier treffen sollte. Das könne aber noch ein paar Minuten dauern. Ich könne mir aber gerne etwas zu Trinken nehmen und mit allem spielen, was im Zimmer stand. Was soll da schon rumstehen, dachte ich mir. Und fiel im nächsten Moment vom Glauben ab. Riesen-Flatscreen, ein kleiner Basketball-Korb, ein sehr cooler Retro-Kühlschrank, Gummibären, ein Trampolin, Bälle, Pupen ohne Ende, eine nagelneue Spielkonsole, Fahrzeuge und eine unfassbare Menge Lego und Lego Technik. Das ist der Himmel und keine Prasxis, nuschelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart und setzte mich erstmal schüchtern auf einen kleinen Hocker. Dabei spürte ich deutlich die Windeln, die inzwischen meine Körperwärme angenommen hatte und deshlab kaum noch zu spüren war. Sie war nach wie vor trocken. Und noch spürte ich nichts was darauf hindeutete, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte. Das hatte aber nichts zu bedeuten, wie ich mittlerweile ja aus Erfahrung wusste. Dank der Blasenentzündung ging das ja alles gerade überfallartig. Die Spielkonsole übte eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Wahrscheinlich war nichts dabei, wenn ich mal kurz ein Spiel … Stop! Jetzt nur nicht schwach werden, sagte ich zu mir selbst. Ich hatte mir selbst geschworen, nie wieder auf Typen wie Ben oder solche Daddelkisten reinzufallen. Nie wieder. Ich entscheide selbst und damit basta! Dann also Lego Technik. Hatte ich ewig nicht mehr gespielt. Dazu musste ich quer durch den Raum bis zu einer weichen blauen Matte, die als Spielunterlage diente. Zwei kleine Kärtchen wiesen darauf hin, dass man vor dem Betreten der Matte bitte die Schuhe ausziehen sollte. Kein Problem. Es war eh ziemlich warm im Zimmer. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und gleich noch den warmen Pullover loszuwerden. Also, Latzhose auf, Träger runter, Pulli über den Kopf. Und gerade, als ich den Kopf durch den Pullover zog und kurzzeitig nichts mehr sehen konnte, öffnete sich die Zimmertür und Marc Breier stürmte herein. “Oh”, meinte er erstaunt. “Ich bin zwar Arzt, aber freimachen steht bei mir eigentlich nicht auf dem Programm!” Sehr witzig. Ich zog meinen Kopf wieder ins Freie und war jetzt knallrot im Gesicht. Der Pullover. Die Schuhe. Lego. Mir war so warm… “Alles gut, Paul. Es gibt hier nicht viele Regeln. Eine lautet: Keine Kleiderordnung. Wenn du magst, kannst du dich auch gerne im Skianzug hier reinsetzen. Oder in der Badehose. Und wenn’s dir wirklich zu warm sein sollte, dann kannst du auch gerne deine Latzhose anziehen. Wie ich sehe, hast du ja noch was drunter! Ach übrigens, ist das Benjamin Blümchen?” Die Anspielung auf meine Strumpfhose sorgte dafür, dass meine rote Gesichtsfarbe konstant blieb. Ja, aber das sind nur meine Notfall-Klamotten. Wir waren heute im Bunker und … Warum quasselte ich eigentlich so viel? Ich kannte den Kerl doch seit gerade mal 45 Sekunden. Der hatte mich völlig überrumpelt. “… und was?”, versuchte Marc Breier meinen Satz fortzusetzen. Na ja, da hab ich mir … weil ich hab doch da diese Blasenentzündung. Was war nur los mit mir? So viel hatte ich im ganzen letzten Schuljahr nicht geredet. Also außerhalb meines Kopfes, meine ich. “Ja, das habe ich gelesen. Doc Eisenmann hat mir deine Krankenakte geschickt. Verrückt. Es war, als kenne ich diesen großen, dunkelhaarigen Typen seit vielen Jahren. Woher wusste ich eigentlich, dass ich ihm vertrauen konnte? Weil er Arzt war? Weil Onkel Phil das gesagt hatte? Vielleicht. Vielleicht aber auch, weil es ganz gut tat, mal mit jemand tu reden, der nicht meine ganze Familiengeschichte kannte. Und der im Zweifel nichts von dem weitersagen durfte, was ich mit ihm besprach. Außerdem war da diese unfassbare Menge Lego Technik. Ich hatte zu Hause gerade mal einen Schuhkarton voll. Nichts Zusammenhängendes. Einzelteile. Marc Breier hatte praktisch alle Modelle im Regal, die ich mir mal gewünscht hatte: Hydraulik-Truck, Formel-1-Auto, Allrad-Geländewagen. Alles da. Ich musste mir das einfach ansehen. Marc Breier bemerkte meine Neugier. Lego Technik? Dann los. Lass uns was bauen! Also bauten wir. Und wir redeten. Über Gott, die Welt, die Schule, Mama, Papa, Ben. Alles. Und nichts. Irgendwie. Ich kannte die ganzen Geschichten ja schon. Mein Leben halt. Irgendwan saß ich wirklich nur noch in der Strumpfhose auf der Baumatte. Es war aber auch warm hier. Dass ich drunter die Windel anhatte, war ganz weit weg. Wir sprachen auch über Benjamin Blümchen. Ich fand’s peinlich. Marc Breier nicht. Er sammelte Benjamin Blümchen-Sachen. “Jeder Mensch hat irgend einen Vogel!” meinte er, als ich ihn erstaunt ansah. Ich kann ihnen gerne die Strumpfhose schenken, grummelte ich. Er verschluckte sich fast an seiner Cola Light und prustete: “So weit geht die Sammelleidenschaft dann doch wieder nicht. Ich sammle eigentlich nur die Originalzeichnungen der Cover von den Hörspielkassetten”, erklärte er. “Die sind teilweise sehr wertvoll!” Irgendwann, ich hatte längst das Gefühl für die Zeit verloren, ging der Flatscreen an. “Ich hab lust auf eine Runde Zocken!”, verkündete Marc Breier. Meine Finger krallten sich in einen Softball, den ich gerade in den Basketballkorb werfen wollte. Ich darf … ich will das nicht. Bitte. Stotterte ich. Es kostete mich alle Kraft, mich nicht neben Marc Breier zu setzen und den Zombies auf dem Bildschirm ein Magazin Sprenggeschosse in die Schädel zu jagen. “Wie du magst. Ich würde es auch niemand weitererzählen!”, bohrte er weiter. Ich biss die Zähne aufeinander. Bitte nicht. Das macht alles kaputt… Und dann brachen alle Dämme. Ich redete und redete. Nicht mehr nur belangloses Zeug. Der ganze Hass, die Wut und Enttäuschung kam raus. Marc Breier unterbrach mich kein einziges Mal. “Ich würde vorchlagen, du ziehst dich jetzt wieder an!”, sagte er schließlich freundlich. Dein Onkel wartet sicher schon draußen. Und wenn du magst, sehen wir uns am Montag! Das war alles? Keine Medikamente, Hausaufgaben oder sonstwas? “Nö, warum? DU bist doch nicht krank…!” Bevor wir loskamen, wolle Marc Breier Onkel Phil noch kurz unter vier Augen sprechen. In seinem Büro kam Marc Breier gleich zur Sache: “Er ist ein großartiger kleiner Kerl. Ein bisschen verloren, gerade, zwischen Kindheit und Pubertät. Und er tut sich schwer, sich in seinem privaten Umfeld zu positionieren. Da sind diese starken Frauen in seiner unmittelbaren Nähe. Die für ihn übermächtigen, ihm angeblich überlegenen Mitschüler. Er ist kein echter Außenseiter. Er hält sich selbst für unsichtbar und hat sich in dieser Nische eingerichtet, obwohl er eigentlich da raus will. Es braucht sicher nicht viel, um ihm zu helfen. Er braucht AUfmerksamkeit. Von einer männlichen Bezugsperson. Der Urlaub hier bei Ihnen ist deshalb goldrichtig. Aber er braucht gleichaltrige Freunde. Jungs. Die seine Interessen teilen!” Onkel Phil nickte. “Ich glaube, er hat riesiges Potenzial!” Jetzt nickte auch Marc Breier. “Er hat eine extrem ausgeprägte Beobachtungsgabe”. “Das haben Sie auch schon bemerkt?”, fragte Onkel Phil? “Ich bin Fotograf. Und er hat defintiv Talent!”. Marc Breier lächelte. “Das wäre defintiv ein Ansatz. Und vielleicht gehen sie mit ihm mal shoppen. Ein bisschen Freiheit. Und Selbstbestimmung. Sie werden überrascht sein, dass er dabei ganz sicher nicht über die Stränge schlagen wird!” Das würde er nicht. Da war sich auch Onkel Phil sicher.

 

Was habt ihr denn so lange besprochen, wollte ich wissen. Durfte man fragen, fand ich. Die saßen fast eine halbe Stunde bei Marc Breier im Büro. “Och, gar nicht so viel”, antwortet Marc Breier. Dass wir morgen nach Helgoland fahren, zum Beispiel. Und dann weiter nach Dänemark. Insgesamt vier Tage, davon zwei auf See. Und wir unterwegs ein bisschen shoppen gehen.” Wie, auf See? Und einkaufen? Was denn? “Was du magst. Klamotten, Spiele. Ganz egal.” Aber ich hab kein Geld, jammerte ich. “Da machst du dir mal keine Sorgen. Du wirst ein bestimmtes Budget zur Verfügung haben. Und du entscheidest, was du einkaufst. Ich werde dabei nur dein Bodyguard und Taschenträger sein!” Krass. Das ist gar keine so doofe Idee, grinste ich. Bevor wir uns auf den Weg nach unten machte, meinte Onkel Phil, dass er schonmal voraus ginge um das Auto zu holen. Er parkte ein ganzes Stück entfernt und es regnete in Strömen. Schneeregen. Es war noch ein Stück kälter geworden. “Und wir müssen ja nicht beide durch den Regen rennen!”. Ich nahm also noch kurz im Wartezimmer Platz und wünscht mir keine zwei Minuten später, lieber im kältesten Regen der Welt zu stehen. Nackt, von mir aus. Ich hörte das “Pling” der Aufzugtür. Dann wurde ein junger Kerl ins Wartezimmer geschoben, die Arme bockig ineinander verschränkt. Seine linke Gesichtshälfte war blau. Und ein Unterarm eingegipst. Ben. Mein Herz setzte eine Sekunde aus. Sofort waren Panik, Hass und Wut wieder da. Und jede Demütigung, die ich durch ihn ertragen hatte. Ich zitterte. “Kuck an, Pauli-Bubi muss auch beim dämlichen Marc aufs Sofa”, ätzte er. “Ich wusste, dass mit dir was nicht stimmt. Jeder normale Mensch hätte sich nicht von den trotteligen Kaufhausschnüfflern erwischen lassen! Wenigstens hat dein Abgang über die Treppe meine Flucht gedeckt. Aber die beiden Spiele sind futsch! Und die wirst du mir ersetzen, klar!” Wer war denn jetzt bitte verrückt? Er wollte Geld für zwei Spiele haben, die er geklaut hatte? Da kannst du lange warten, nuschelte ich. “Das werden wir ja noch sehen. Ich habe die Abreibung meines Lebens kassiert, als meine Eltern von der Sache erfahren haben. Das wirst du mir büsen. Ich wäre an deine Stelle sehr vorsichtig, in der nächsten Zeit!” Ich war kurz davor die Beherrschung zu verlieren. Mühsam versuchte ich in meinem Kopf die Worte zu einer passenden Antwort zusammenzukriegen. Dass dabei ein großer Teil der Cola, die ich bei Marc Breier getrunken hatte, meinen Körper verließ, bekam ich gar nich mit. Fertig. Jetzt musste ich nur noch den richtigen Moment abwarten. Der kam, als ich durch die Glastür Onkel Phil im Treppenhaus sah. Ich weiß ja nicht, ob ich hier richtig bin, fauchte ich mit letzter Kraft. Aber bei dir bin ich mir da zu 100% sicher! Dann stürmte ich aus der Praxis. Ich sah nicht zurück, sondern flog im Trepenhaus Onkel Phil in die Arme.

 

Jetzt kamen die Tränen. Und die Erkenntnis, dass ich dringend die Windel loswerden musste. Während ich Onkel Phil von der Begegnung mit Ben erzählte, gingen wir langsam die fünf Stockwerke nach unten. Die Windel hing schwer zwischen meinen Beinen. Alles war besser, als eine nasse Hose. Aber eklig war es trotzdem. “Ich werde mit Marc sprechen”, meinte Onkel Phil, als er sich gerade anschnallte. “Solche Terminüberschneidungen lassen sich ganz leicht verhindern.” Die Sache mit der Windel hatte ich noch nicht erzählt. Musste ich aber. Früher oder später würde es eh rauskommen. Und so beichtete ich Onkel Phil, dass ich die Windel aus der Apotheke gar nicht ausgezogen und sie gerade auch benutzt hatte. “Ja, und? Dafür ist sie doch da? Ich hab dir die Entscheidung freigestellt, was du wann anziehst. Wenn dir die Windel tagsüber Sicherheit gibt bin ich der Letzte, der damit ein Problem hat!” Okay, also alles halb so schlimm. Aber wollte ich das wirklich. Windeln auch am Tag. Sicher nicht. Auf der anderen Seite war nichts schlimmer, als bei jedem Ausflug panisch Ausschau nach der nächsten Toilette halten zu müssen. Und so kam ich mit mir selbst zu einem Deal: Zu Hause und hier in der Stadt würde ich versuchen, ohne diese Dinger auszukommen. Wenn wir unterwegs waren, dann erstmal mit. “Passt für mich, meine Onkel Phil. Und wenn es bis nächste Woche nicht besser wird, dann schauen wir nochmal kurz bei Doc Eisenmann vorbei. Einverstanden?” Klar.

Der Rest des Abends ist schnell erzählt. Onkel Phil hatte gekocht. Schonkost. Kartoffeln, ein bisschen Gemüse, Putenfleisch. Kein Risiko mit Pauls Magen. Die Botschaft war eindeutig. Vor dem Essen, musste ich aber noch die klatschnasse Windel entsorgen. Das klappte problemlos. Statt die Bündchen aufzureißen, stiegt ich aus der Windel, wie aus einer Unterhose. Das Saugkissen war gelb. Aber nicht allzu sehr. Das Ding machte nicht den Eindruck, an der Belastungsgrenze zu sein. Gut so. Ich warf meine erste Windel seit fast vier Jahren in den Müll und wusch mir in der Dusche die Ereignisse des Tages vom Körper. Nach dem Abtrocknen griff ich zum frischgewaschenen Schlafanzug und zögerte. Jetzt schon die Windel für die Nacht? Warum nicht. Ich würde wahrscheinlich eh wieder am Schreibtisch einschlafen, so müde war ich. Und genau so kam’s. Nach dem Essen brauchte ich wieder drei Versuche, bis Onkel Phil zufrieden mit dem Tagesbericht war. Es war eine Qual. Mein Kopf war voll, vieles wirr. Und das alles kam auch so auf dem Papier an. Das musste besser werden, war das letzte, an das ich mich erinnern konnte, bevor ich am Tisch einschlief und Onkel Phil mich ins Bett trug.


“Guten Morgen, Schlafmütze!” Irgend jemand kitzelte mich am Fuß. Onkel Phil. Pah. Wenn er wollte, dass ich aufstand, musste er schon härtere Geschütze auffahren. Ich hatte geschlafen wie ein Stein. Nichtmal an einen Traum konnte ich mich erinnern. Außerdem war es grade herrlich warm im Bett. Also, Decke über den Kopf und tot stellen. 30 Sekunden später war die Decke weg. Hallo, geht’s noch, grunzte ich. “Die nehme ich erstmal mit”, kam es aus der Richtung, in die meine Decke verschwunden war. “Es ist jetzt 8.30 Uhr”, verkündete Onkel Phil. “Um 10.30 fahren wir los, sonst verpassen wir unser Schiff! Und du wirst mitkommen, das verspreche ich dir. Egal, wie du bist dahin aussiehst. Wenn’s ein muss, schleife ich dich auch im Schlafanzug an Bord!” Himmel ja. Unser 4-Tages-Ausflug. Und ich hatte noch nichtmal gepackt. OhneMampfkeinKampfmusserstmalwasfrühstücken, gähnte ich und sprang aus dem Bett. Auf dem Weg in die Küche versperrte mir Onkel Phil aber den Weg. “Bei aller Toleranz, Kollege. Aber so will ich dich ganz sicher nicht am Tisch haben!” Was hatte er denn? Dann sah ich in den Spiegel im Flur. Oh. Ich hatte wirklich schonmal vorzeigbarer ausgesehen. Meine Frisur sah aus, als hätte ein Hamster drin geschlafen. Um den Mund waren noch die Reste vom Abendessen zu erkennen. Und meine Schlafanzughose hing tief im Schritt. Drei Erkenntnisse: 1. Ich hatte offensichtlich sehr tief geschlafen. 2. Mein Schlafanzug und damit das Bett waren trocken geblieben. Yes! 3. Diese Windel war definitiv an ihrer Belastungsgrenze. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wenn das alles ins Bett gegangen wäre… Also, erstmal Badezimmer. “Vor der Waschmaschine stehen zwei Körbe mit frischer Wäsche”, rief mir Onkel Phil hinterher. “Wir schauen nach dem Frühstück, was du alles einpacken solltest!” Alles klar. Der Schlafanzug flog erstmals in diesem Urlaub nicht direkt in die Wäsche, sondern landete zur Wiederverwendung auf dem Rand der Badewanne. Ein gutes Gefühl. Meine letzte verbliebene Slipboxer landete aber genauso in der Wäschetonne, wie das Unterhemd und die bunten Wollsocken, die ich immer zum Schlafen trug. “Jeder Mensch hatte einen Vogel!”, hatte Marc Breier ja gesagt. Und ich liebte die kuscheligen selbstgestrickten Strümpfe meiner Oma. Die Windel war ein Alptraum. Mit einem dezenten Würgen und an spitzen Fingern ließ ich das pralle Paket aus Papier, Kunststoff, Zellstoff und Superabsorber in den Windeleimer plumpsen. Ah, das tat gut. Frischluft. In der Dusche brauchte ich nur zwei Minuten. Schnell abtrocknen, die Haare kämmen und nur schnell die Unterwäsche drüber ziehen. Ich griff in den Wäschekorb und erwischte den roten Slip. Diesmal also kein Baurbeiter, sondern eine dicke Hummel im Schritt. Passte auch irgendwie. Hummeln waren fleißig. Und ich hatte ja auch noch viel zu tun. Beim besten Willen wollte sich aber das passende weiße Unterhemd mit den roten Ziernähten nicht einfinden. Ich hatte aber weder die Zeit, noch die Lust für eine umfassende Suchaktion und griff deshalb zur nächstbesten Alternative. Es war das gelbe Unterhemd. Das Gegenstück zum Bauarbeiter. Mit einem “Under Construction”-Schild auf Brusthöhe. Gegen kalte Füße zog ich ein frisches Paar Wollsocken über die Zehen. Das musste erstmal reichen. Onkel Phil hatte das Frühstück schon fertig. Grießbrei mit Zimt und Zucker. Himmlisch. “Oh, hab ich den Clowntag im Kalender übersehen?” fragte er mit einem Blick auf meine spezielle Farbzusammenstellung? Ich gönnte ihm den Lacher und schaufelte riesige Mengen Grießbrei in mich rein. Dann noch ein Becher Tee (Kamille, natürlich), Zähne putzen und schon standen wir in meinem Zimmer um zu packen. “Overall und Strumpfhose aus dem Bunker konnte ich in der Waschmaschine retten”, eröffnete Onkel Phil die Klamottensortiererei. “Wir werden den ganzen Tag auf dem Schiff sein. Da reicht einen Jogginghose. Wenn wir an Deck gehen, ziehst du dann den Overall drüber, okay?” Läuft, sagte ich, während ich vier Garnituren Unterwäsche in meinen großen Rucksack stopfte. Dazu noch alle verbliebenen drei Strumpfhosen, zwei Paar Schlafsocken, die Filzhausschuhe, zwei Jeans, drei Pullover, fünf T-Shirts, die Ersatz-Schlupfmütze, einen Ersatz-Schal und meine dicke Winterjacke. Obendrauf kam mein Toilettenbeutel und eine Tüte mit meinen Gore-Tex-Stiefel. “Vergiss deine Schulsachen nicht!” Danke Onkel Phil. Hätte so schön werden können, der Tag. Noch so ein Stimmungskiller: die Windeln. Beide Rucksäcke waren voll. Also umladen. Toilettenbeutel und Schuhe wanderten zu Onkel Phil in den Rucksack. Den neu geschaffenen Stauraum nahmen 15 Windeln ein. “So viel?”, fragte Onkel Phil. Ja. Sicher ist sicher. 10 Minuten bis zur Abfahrt. Jetzt aber flott. Mechanisch griff ich zu einer der Windeln aus dem Schrank. “Soll ich rausgehen?”, wollte Onkel Phil wissen? Warum? Weil ich mich gerade anziehe? Quatsch. Unterhose runter, Windel an, Unterhose hoch. 10 Sekunden. Ich wurde immer besser. Drüber kam die rote Sport-Strumpfhose, die ich schon gestern im Bunker getragen hatte. Obenrum komplettierte ein weißes T-Shirt und der blaue Pulli des Jogginganzuges mein Outfit. Dann noch die graue Jogginghose, fertig. Saß ein bisschen eng am Po, aber das war nicht zu ändern. Zufrieden stieg ich in meine gefütterten Gummistiefel marschierte zur Garderobe. Softshelljacke, Mütze und Schal. fertig. Die Handschuhe stopfte ich in die Jackentasche. Konnte losgehen. Pünktlich auf die Sekunde.

Autor: Whisperer (eingesandt via E-Mail)
Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.

 

65 votes

7 comments

  • Jonas

    Ich weiß nicht welcher Schwachkopf diese Geschichte mit einem Stern bewertet hat, aber ich habe dir wieder 5 gegeben. Keine unlogischen Sprünge, alles sehr realitätsnah, für mich eine der besten Geschichten hier.
    Mach weiter so!

  • WindelPauli

    Ich sehe das genauso wie Jonas 🙂 die Geschichte ist Bombe! So gut wie keine Rechtschreibfehler und schlüssig / Respekt an den Autor- ich hoffe auf noch viele Fortsetzungen

  • Petra

    So wieder volle Punktzahl und dennoch muss ich dir nun sagen das ich mich von deiner Geschichte verabschieden werde.
    Du schreibst weiterhin sehr schön mit viel liebe zum Detail, das ist ganz klar eine der besten Story´s hier auf dieser Seite.
    Doch komme ich einfach nicht klar mit Jungs in Windeln!
    Allen anderen wünsche ich weiterhin viel Spaß mit diesem Autor und dieser Geschichte.

    Im übrigen gib bitte nichts auf die Voting Punkte.
    Ich habe Geschichten hier gesehen denen ich nicht mal einen Punkt gegeben hätte und dennoch haben sie locker fast volle Punktzahl nur weil häufig Windel, pipi, und aa vorkommt, doch zusammen hängende texte die fließend von einem geschehen zum nächsten übergehen sucht man vergeblich.

    Ich persönlich bewerte nur wenn mir was gefällt, negativ werde ich niemals bewerten, das ist mir einfach mal zu dumm, den was dumm ist muss ich mir ja schließlich nicht geben.
    Also bekommst du jetzt abschließend von mir zum dritten mal 10 Punkte bzw. volle Sternchen, verdient hast du es allemal

    Gruß
    Petra

  • andy

    Wirklich eine sehr schöne Geschichte. Einfühlsam und rührend geschrieben. Ich hatte TW Tränen in den Augen. Bitte schreibe weiter und vorallem bis zum Ende! Der Onkel ist super Verständnisvoll und die Figuren sind toll gezeichnet. Respekt, es gibt nur wenige die So gut schreiben können!

    10 Punkte!!!

  • beni Boy

    Der absolute Kaller:-):-):-). Bitte noch viiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeele viele Forsetzetzungen!!!!!!! ;-);-);-)

  • Marcel

    Hauch von mir volle Punktzahl, schade nur das sie nicht weiter geht, hätte so gerne weiter gelesen.

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