Zwischen Gestern und Morgen (3)
Dieser Eintrag ist Teil 3 von 23 der Serie Zwischen Gestern und Morgen
Windelgeschichten.org präsenriert: Zwischen Gestern und Morgen (3)
Jetzt der richtige 3 Teil, da ist mir wohl eim Fehler unterlaufen. Sorry
Feedback ist weiterhin erwünscht und neben der Freude an der eigenen Geschichte die größte Motivation.
Und weiter geht es mit dem kleinen Abenteuer.
Andrea ergriff zuerst das Wort: „Benjamin, geht es dir nicht gut?“
Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte. Diese Bilder machten mir panische Angst.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals in Prag gewesen zu sein.
Aber ich bin mir sicher, dass es Prag war – es fühlte sich echt an.
Ich konnte die Menschen riechen, die Kälte spüren.
„Benjamin, sprich mit uns“, wiederholte Andrea.
Katja meldete sich zu Wort: „Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen und Benjamin etwas Ruhe geben.“
Herr Hauser schien nicht begeistert von dieser Idee,
besonders da er gerade den Eindruck hatte, einen Durchbruch zu erzielen.
„Es wäre wichtig, dass wir jetzt dranbleiben. Sie müssen doch merken,
dass sich der Junge gerade an etwas Entscheidendes erinnert!“ versuchte er zu argumentieren.
„Ja, das sehe ich“, erwiderte Katja ruhig, „aber Sie müssen auch sehen,
dass Sie hier mit einem kleinen Jungen von sieben oder maximal acht Jahren sprechen.
Viel mit Kindern haben Sie in Ihrem bisherigen Leben anscheinend nicht gearbeitet, oder?
Bedenken Sie, dass er das Opfer einer traumatischen Erfahrung ist und kein Straftäter, den Sie verhören!“
Ich glaube, Herr Hauser hatte gerade den Beschützerinstinkt einer Löwenmutter geweckt.
Dem konnte Herr Hauser nicht viel entgegensetzen. Er blickte in die Runde und sagte dann:
„Sie haben recht. Ich bin etwas übers Ziel hinausgeschossen. In diesem Fall wäre etwas mehr Sensibilität wirklich besser gewesen.“
Anschließend wandte er sich direkt an mich:
„Benjamin, es tut mir aufrichtig leid. Auch als erwachsener Mann sollte man einsehen, wenn man Mist gebaut hat.
Nur um das klarzustellen: Ich glaube nicht, dass du irgendetwas falsch gemacht hast. Ich möchte die Angelegenheit auch in deinem Interesse aufklären.
Also melde dich bitte, wenn dir etwas einfällt, das mir helfen könnte, Licht ins Dunkel zu bringen.“
Mit diesen Worten verließen die beiden Polizisten das Zimmer.
„Mit dieser Reaktion hätte ich jetzt aber nicht gerechnet, vielleicht ist er ja gar nicht so verkehrt“, kommentierte Katja.
Als wir wieder alleine waren, sprach Andrea zu Katja: „Ich glaube, er steht unter Schock.
Herr Peters sollte heute Dienst haben, kannst du ihn anrufen?“
Keine Minute später stand ein älterer, kräftig gebauter Arzt im Zimmer. „Wo brennt’s denn?“
fragte er, während Andrea versuchte, das Problem zu schildern.
„Unser kleiner Patient hier steht gerade etwas neben sich.
Ich würde ihn gerne einmal komplett duschen. Können Sie Ihr Okay geben, wenn wir die Verbände entfernen?
Eigentlich wollte Herr Kurz später nach der Wundheilung sehen, aber ich möchte Benjamin in diesem Fall nicht so lange warten lassen.“
Herr Peters zögerte nicht und kommentierte auch den Geruch, der von mir ausging, mit keiner Silbe.
„Klar, das kriegen wir schon hin“, sagte er und wandte sich meinen Beinen zu.
Dann begann er, meine Verbände vorsichtig zu entfernen. „Das könnte jetzt mal kurz ziehen, wenn ich den Verband abnehme“, erklärte er,
aber ich spürte kaum etwas. Immer wieder sah ich diesen Schriftzug vor meinen Augen und das Gefühl,
dass ich so schnell wie von dort verschwinden muss, überwältigte mich.
Katja und Andrea standen links und rechts von mir und schwiegen, während Herr Peters seine Arbeit mit den Worten
„Das war’s schon, sieht alles sehr gut aus. Einen neuen Verband brauchen wir nicht. In einer Woche ist davon so gut wie nichts mehr zu sehen“
beendete. Dann musterte er mich. „Wie lange ist er schon in diesem Zustand?“
Katja antwortete: „Wenn man die Zeit Ihrer Behandlung mit einrechnet, etwa 20 Minuten.“
Andrea ergänzte: „Er hatte gerade ein aufwühlendes Gespräch mit einem Polizisten.
Wir wissen nicht genau, welche Information den Schock ausgelöst hat. Es könnte mit seiner Amnesie zusammenhängen.“
„Er sollte auf jeden Fall mal mit Herrn Huber sprechen“, kommentierte Herr Peters das Gehörte.
Andrea antwortete: „Ja, das war sowieso für morgen geplant. Es wäre nur besser gewesen,
wenn der Kinderpsychologe heute schon Zeit für ihn gehabt hätte. Dann wäre so etwas vielleicht vermeidbar gewesen.“
„Herr Huber ist gut und findet meistens einen Draht zu unseren kleinen Patienten, aber Wunder kann auch er nicht vollbringen“, meinte Katja.
Bevor Herr Peters sich zur Tür wandte, sagte er noch:
„Wenn er nachher ein leichtes Beruhigungsmittel für die Nacht braucht, gebt mir einfach Bescheid.“
Katja drückte mich sanft von der sitzenden in eine liegende Position, während Andrea mir die Hose auszog.
„Wir machen dich jetzt so gut es geht sauber und danach gehst du einmal unter die Dusche, okay?“
Ich nahm alles um mich herum wahr, aber meine Starre wollte sich einfach nicht lösen.
Erst als Andrea die Windel zusammenrollte und in Richtung Flur trug, begann ich, mich zu regen. Katja half mir vom Bett und schob mich sanft in Richtung Badezimmer.
Das Abduschen und Zähneputzen nahm ich nur als passiver Beobachter wahr, nicht als aktiver Teilnehmer.
Wieder im Bett zog Katja mir eine neue Windel und ein Krankenhaushemd an.
Sie flüsterte Andrea zu, dass sie noch eine Weile im Aufenthaltsraum wäre, und verließ das Zimmer.
Andrea setzte sich neben mich und streichelte mir gelegentlich durchs Haar.
An Schlaf war trotz überwältigender Müdigkeit nicht zu denken.
Ich wollte diese Bilder vergessen oder zumindest nicht mehr daran denken. Aber wie?
Mit festem Griff drückte ich das Kuscheltier, das mir Katja heute Mittag gegeben hatte, an mich.
Es war ein Trost, aber nicht genug.
Andrea überlegte schon, ob sie das Angebot von Herrn Peters annehmen sollte, als Benjamin nach anderthalb Stunden immer noch nicht eingeschlafen war.
Da begann ich leise zu erzählen: „Der Polizist hat von Praha gesprochen. Ich habe Angst vor diesem Ort.
Ich habe Bilder in meinem Kopf gesehen von einem großen Schriftzug auf einer Glasfront mit dem Wort Praha.
Dieser Ort bedeutet Gefahr für mich. Ich habe furchtbare Angst vor diesem Ort. Bitte, ich will nicht dahin zurück! Bitte!“
Andrea legte sich neben mich aufs Bett und drückte mich an sich, während sie beruhigend auf mich einredete:
„Du musst nicht zurück nach Prag. Du bist jetzt hier in Sicherheit, wir passen auf dich auf, versprochen.“
Nachdem sie das mehrmals wiederholt hatte, wurde mein Atem gleichmäßiger. Während sie leise vor sich hin flüsterte:
„Was haben sie mit dir gemacht? Wer tut so etwas einem Kind an?“, schlief ich schließlich ein.
An diesem Morgen wurde ich nicht geweckt – man hatte mich ausschlafen lassen. Als ich die Augen öffnete,
blinzelte ich Katja an, die neben meinem Bett saß und etwas auf ihrem Handy las.
Sie legte es sofort beiseite, als sie merkte, dass ich wach war.
Sie sprach leise, fast flüsternd:
„Guten Morgen, Benjamin.“
„Guten Morgen“, kam leise von mir zurück – vermutlich mehr, als sie erwartet hatte
.
„Willst du erst etwas essen oder sollen wir dich zuerst im Badezimmer frischmachen und dir neue Sachen anziehen?
Die Frau vom Jugendamt war vorhin da, als du noch geschlafen hast. Sie hat dir eine Tasche mit passender Kleidung vorbeigebracht.
Ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass du sie verpasst hast?“
Nein, ich bin sogar froh darüber und ich denke das Katja das weiß.
Hunger hatte ich keinen, aber etwas zu trinken wäre toll. „Kann ich einen Kakao bekommen?“
Ein kurzes Lächeln erhellte Katjas Gesicht. „Na, das ist ja schon mal ein Anfang.
Ein Kakao kommt sofort“, sagte sie und versuchte, meine Stimmung zu heben – mit Erfolg.
Ich musste lachen, als sie den Kakao mit einer Geste und den dazu passenden Geräuschen wie ein landendes Raumschiff vor mir abstellte.
Auch ihr war die Erleichterung anzusehen, als sie merkte, dass ich darauf ansprang.
„Möchtest du gar nichts essen? Du könntest zur Abwechslung auch mal Cornflakes bekommen?“
Katja hatte gerade meine volle Aufmerksamkeit gewonnen. Ich weiß nicht, wie sie das macht, aber es tut gut. „Schoko-Cornflakes?“ fragte ich vorsichtig.
Katja konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Da lässt sich bestimmt was machen.“ „Au ja, lecker!“ das konnte ich mir nicht verkneifen,
Schoko-Cornflakes das ist wie Kakao trinken nur besser.
Während Katja die Cornflakes organisierte, kuschelte ich mich an das kleine Nilpferd mit dem Logo des Krankenhauses auf dem Bauch. Es hätte ruhig ein bisschen größer sein können.
Ich war im Zwiespalt mit meiner Persönlichkeit. Einerseits hatte ich die Erinnerungen an ein anderes Leben, andererseits fühlte ich mich eher wie ein Kind, als würden zwei Gedankenwelten aufeinanderprallen.
War ich jemals erwachsen? Bin ich wirklich Benjamin Stenzel? Oder bilde ich mir das nur ein? Aber woher kommt dann all das Wissen über dieses andere Leben? Stimmen die Dinge, die ich glaube zu wissen, überhaupt?
Ich brauche eine Möglichkeit, das zu überprüfen. Ein internetfähiges Gerät und etwas Zeit wären ein guter Anfang!
„Benjamin? BENJAMIN, ist alles gut bei dir?“ Katja riss mich aus meinen Gedanken.
Vor mir stand eine große Schüssel mit Schoko-Cornflakes, die nur darauf wartete, von mir gegessen zu werden.
Eben dachte ich noch, ich hätte keinen Hunger, aber das war jetzt egal.
Mein Ziel war klar: Diese Cornflakes mussten verputzt werden, und zwar in atemberaubender Geschwindigkeit.
„Wir sollten dich langsam vorzeigbar machen“, sagte Katja, während sie lächelte. „Wir haben gleich einen Termin bei Herrn Huber.
Er wird dir helfen, die Ereignisse der letzten Zeit einzuordnen und zu verarbeiten. Keine Sorge, er hat einen echt guten Draht zu Kindern.“
„Okay, bist du bei mir, wenn ich bei Herrn Huber bin?“ fragte ich, denn die Vorstellung, alleine hinzugehen, machte mich nervös.
„Nein, du bist mit dem Psychologen allein, aber keine Sorge, er ist sehr lieb. Außerdem bringe ich dich hin und hole dich danach wieder ab.
Es ist nur eine Etage weiter oben.“
Dann begann die morgendliche Routine. Nachdem meine Windel gewechselt wurde – und wie zu erwarten war sie gut genutzt – schickte mich Katja ins Bad,
um auf die Toilette zu gehen, zu duschen und Zähne zu putzen. Beim Anziehen half sie mir, obwohl ich keinen Verband mehr trug. Heute gab es kindgerechte
Unterwäsche, wobei die Unterhose unangenehm über der Windel spannte – sie war dafür wohl nicht gedacht – und einen sehr weichen, blauen Pullover ohne Motiv
sowie eine Jeans-Latzhose. „Das steht dir, du siehst richtig schick aus. Vor allem mit deinen frisch gewaschenen Haaren“,
meinte Katja lachend. Ich wurde rot, obwohl ich mich in den Sachen eigentlich ganz wohlfühlte.
Der Weg nach oben war nicht sonderlich spannend, da viel Betrieb auf den Fluren herrschte – etwas, das man im Zimmer gar nicht so mitbekommt.
Katja klopfte an die Tür, auf der in bunten Buchstaben „Prof. Dr. Dr. Huber“ stand.
Kurz darauf öffnete ein Mann mittleren Alters die Tür. So hatte ich mir einen Professor nicht vorgestellt – groß, sportlich, ohne Bart, aber mit einem freundlichen Lächeln.
„Hallo Benjamin, du kannst mich Thomas nennen. Schön, dass du da bist. Ich dachte schon, du wolltest mich heute doch nicht besuchen“,
sagte er, zwinkerte Katja zu und schob mich sanft ins Behandlungszimmer. „Ich gebe dir Bescheid, wenn wir soweit sind,
dass du ihn abholen kannst“, sagte er zu Katja, bevor er die Tür hinter uns schloss.
Das Zimmer überraschte mich – es war kein typisches Behandlungszimmer, sondern ein riesiges Spielzimmer.
Ein Regal voller Lego-Technik-Sets, eine Malecke, Kisten mit Puppen und Autos, ein kleiner Tisch mit Stühlen in Kindergröße und ein großes Sitzkissen.
Im hinteren Teil stand ein edler Schreibtisch mit einem PC und einer Stereoanlage samt Schallplattensammlung. Dieser Raum strahlte Sympathie aus.
„Schau dich ruhig um, du darfst alles anfassen. Wenn du magst, kannst du mir etwas über dich erzählen, aber du musst nicht“,
bot Thomas mir an. Ich war unsicher, wohin ich zuerst gehen sollte. Das Lego sah toll aus, aber auch der Plattenspieler zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Schließlich entschied ich mich für die Plattensammlung. Da fiel mir eine Platte sofort ins Auge: Ein rosa Cover von Linkin Park, meiner Lieblingsband,
mit dem Titel „The Emptiness Machine“. Es schien eine Single zu sein, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es nach Chester Benningtons Tod noch etwas Neues geben würde.
Eine Frau war zwischen den restlichen Bandmitgliedern abgebildet, dafür fehlte Chester. Bin ich vielleicht in einem Paralleluniversum?
Das würde zumindest einiges erklären.
„Darf ich diese Platte mal hören?“ fragte ich neugierig. „Hast du sie wohl im Radio gehört? Läuft ja rauf und runter seit ihrem Neustart dieses Jahr.
Leg sie ruhig auf, ich kann auch nicht genug davon bekommen.“ „Neustart?“ fragte ich interessiert. „Ja, aber das kannst du ja nicht wissen, dafür bist du noch zu jung.
Diese Band gibt es schon sehr lange.“ „Ja, seit 1996“, unterbrach ich ihn. „Zuerst als Xero, dann Hybrid Theory und ab 1999 als Linkin Park.“
Thomas war erstaunt. „Wow, das hätte ich dir nicht zugetraut! Da kennt sich aber jemand aus.“
Dann erzählte er weiter: „Nach Chester Benningtons Tod im Jahr 2017 kam Emily Armstrong als neue Sängerin dazu.“ Das klang für mich falsch.
Wie konnte das so schnell passieren? Thomas erklärte: „Seit 2017 haben sie keine neue Platte veröffentlicht,
das war vermutlich vor deiner Geburt oder du warst noch viel zu jung. Das ist jetzt sieben Jahre her.“
Sieben Jahre? Das hieße, es ist 2024 – ich wäre also 44, nicht 37. Das saß tief.
Plötzlich fühlte ich mich, als müsse ich mich setzen, wobei das mehr ein auf den Hosenboden Fallen war als eine strukturiere elegante Bewegung.
„ist dir nicht gut, möchtest du was Trinken? Du wirst ja ganz blass, nicht das du mir hier umfällst!“
Thomas hob mich ohne Vorwarnung hoch und legte mich auf eine Couch, die ich hinter seinem Schreibtisch gar nicht wahrgenommen hatte.
Mit belegter Stimme sagte ich: „Nein, es geht schon wieder. Mir ist nur gerade etwas klar geworden, was mich ein wenig aus der Bahn geworfen hat.“
„Magst du mir vielleicht erzählen, was dich gerade so bewegt?“
„Ich weiß nicht, ob ich das möchte. Ich denke, du würdest mir nicht glauben und mich für einen Lügner oder Spinner halten.“
„Da musst du dir wirklich keine Sorgen machen. Du kannst mir im Grunde alles erzählen. Ob das die Wahrheit ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle.
Ich möchte dir helfen, das was dich beschäftigt, zu verarbeiten. Vielleicht kann ich dir sogar eine Lösung für das ein oder andere Problem anbieten,
die man als Außenstehender mit etwas Abstand sieht. Egal, was du mir erzählst, es bleibt in diesem Raum. Es sei denn, du möchtest,
dass ich mit jemandem darüber spreche. Ich habe eine ärztliche Schweigepflicht, auch gegenüber deinen Eltern,
und die nehme ich sehr ernst. Und das Beste ist, dass du hier im Zimmer mit allem spielen kannst,
während du mir etwas von deinem bisherigen Leben erzählst. Was hältst du davon?“
Sein Angebot klang sehr verlockend, nicht nur wegen dem Lego, obwohl ich schon ziemlich Lust hatte, etwas zu bauen.
Auch die ärztliche Schweigepflicht fand ich gut. So könnte ich zumindest mit jemandem über all das reden.
Ich stand auf und ging zu dem Regal mit dem Lego. Ich schnappte mir einen Karton mit einem sehr großen Lego-Technik-Bagger darauf.
„Hilfst du mir beim Aufbauen?“ fragte ich ihn.
Thomas setzte sich zu mir an den kleinen Tisch mit den Kinderstühlen. „Du weißt schon, dass der nicht unbedingt
für deine Altersklasse ist und viele Stunden braucht. Aber wenn du möchtest, helfe ich dir gerne.
Bisher habe ich ihn noch mit keinem Patienten fertigbekommen.“
„Meine Lebensgeschichte ist auch wesentlich länger als das deiner gewöhnlichen Patienten,
und das mit dem Bagger verstehe ich als Herausforderung“, entgegnete ich ihm.
Damit begann eine sehr lange Unterhaltung. Ich erzählte ihm alles, was ich wusste.
Ich berichtete ihm meinen bisherigen Lebenslauf, angefangen von meiner Kindergartenzeit bis hin zu meinem letzten Job.
Thomas hörte aufmerksam zu, stellte ab und zu Fragen. Manchmal stellte er mir Nachdenklich Fragen zu geschichtlichen Ereignissen
wie ich sie Persönlich erlebt habe oder glaube sie erlebt zu haben, z.B. den Fall der Mauer oder was mein erstes Mobiltelefon war.
Als wir für den heutigen Tag Schluss machten, war es draußen dunkel. Meine Hose hatte mehr als nur feuchte Flecken, weil die Windel ihre Kapazitäten überschritten hatte,
und ich hatte mächtigen Hunger. Außerdem war ich ziemlich müde.
Als Katja mich zusammen mit Andrea in Empfang nahm, schaute sie etwas erstaunt auf die Uhr. „Das ist ein neuer Rekord, Thomas.
Das waren jetzt bestimmt neun Stunden. Benjamin sieht ja völlig fertig aus, aber nicht unzufrieden“, musste sie lächelnd eingestehen.
„Ja, Benjamin hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht. Wir machen morgen nach dem Frühstück weiter.
Ich habe meine restlichen Termine für morgen abgesagt. Lass ihn morgen ruhig ausschlafen, und wir werden auch ein paar mehr Pausen einlegen.“
„Das will ich aber auch meinen. Etwas zu essen und eine frische Hose würden ihm auf jeden Fall guttun“, meinte Katja halb ernst
und nahm mich an die Hand. Auf dem Weg nach unten nahmen mich die beiden in die Mitte, was ich toll fand. So konnte mir nichts passieren.
„Was macht dein Hunger?“ fragte mich Andrea.
„Ich hätte gerne mein Mittagessen und Abendessen plus ein extra Dessert.“
Die beiden lachten. „Schön, dass es dir besser geht. Mal sehen, was die Küche für dich,
unseren ausgehungerten Wackelzahn, übrig hat.“
Wackelzahn, natürlich! Warum hatte ich nicht gleich daran gedacht? Ich hatte mir den Schneidezahn nicht ausgeschlagen.
Das war mit Sicherheit ein Milchzahn, der bald rauswachsen würde.
Im Zimmer angekommen, bugsierte mich Andrea sofort ins Badezimmer. „Katja geht die Küche plündern,
und ich lege dich erstmal trocken. Du bist ja mehr als überfällig.“
Dem konnte ich nichts hinzufügen. Meine Hose sah so aus, als hätte ich ohne Windel eingepullert.
Ich denke, Thomas hatte das in Kauf genommen, um meinen Redefluss nicht zu unterbrechen.
Diesmal gab es einen richtigen Schlafanzug mit einem Teddybären auf dem Bauch. Katja musste schmunzeln,
als sie mich so auf dem Bett sitzen sah. „Ich wünsche dir guten Appetit, und wir sehen uns morgen wieder.
Schlaf gut, mein Kleiner.“
Damit verabschiedete sich Katja aus dem Zimmer, und Andrea schaute mir zu, wie ich den Teller mit Milchreis,
Kompott und zwei Wurstbroten innerhalb kürzester Zeit verputzte. Ein extra Dessert suchte ich vergebens.
Schade eigentlich. Kaum war ich fertig, ließ ich mich in mein Kopfkissen fallen.
Andrea räumte noch das Tablett weg und setzte sich wieder auf ihren angestammten Platz neben meinem Bett,
um mich ins Reich der Träume zu begleiten. „Schlaf gut, Benjamin, und träum was Schönes“, sagte sie und streichelte noch ein wenig meinen Kopf.
Doch das nahm ich nur noch am Rande wahr, da die Müdigkeit diesmal sehr schnell zugeschlagen hatte.
In dieser Nacht hatte ich leider keine guten Träume. Als ich das erste Mal hochschreckte, war ich allein im Zimmer und mein Bett war nass.
Sofort überkam mich die Angst. Es waren wieder dieselben Bilder. Mein Schluchzen musste Andrea durch die nur angelehnte Tür gehört haben.
Sie schaltete ein kleines Licht ein und kam direkt zu mir ans Bett, wo ich bereits die Bettdecke zurückgeschlagen hatte.
Ich hatte auf einer Krankenunterlage mit Saugvlies geschlafen, aber diese hatte nicht viel ausrichten können, da ich sie im Schlaf völlig zerwühlt hatte.
„Es ist alles gut, Benni, das bekommen wir in Nullkommanichts wieder hin,“ sagte sie beruhigend.
Sie breitete eine neue Krankenunterlage auf dem mit Folie abgedeckten Bett neben mir aus und hob mich einfach rüber.
Anschließend half sie mir aus dem nassen Schlafanzug und legte mir gleich eine frische Windel an.
Während ich nur in der Windel auf dem Nachbarbett saß, suchte Andrea in den Sachen vom Jugendamt nach einem neuen Schlafanzug für mich.
In dem Moment betrat eine sehr junge Krankenschwester das Zimmer.
Andrea musste einen der Taster an der Wand betätigt haben, ohne dass ich es mitbekommen hatte.
„Super, das ging ja schnell. Das ist Jenny, sie hat heute Nacht Dienst mit mir auf der Station,“ stellte Andrea die junge Frau vor.
„Ja, ich war gerade auf dem Gang,“ antwortete Jenny.
„Der junge Mann dort auf dem Bett hatte ein kleines Malheur. Könntest du uns bitte aus der Wäschekammer einmal alles holen?“
Jenny schien sofort zu wissen, was Andrea meinte, und eilte mit den Worten „Das ist doch eines unserer leichtesten Übungen“ aus dem Zimmer.
Zu mir gewandt sagte Andrea: „Keine Sorge, dass haben wir auf der Kinderstation mindestens einmal pro Nacht, absolute Routine.“
Mit einem schlichten weißen T-Shirt und einer roten Jogginghose kam Andrea schließlich wieder zu mir ans Bett.
„Leider haben wir keinen weiteren Schlafanzug. Ich werde morgen mal bei mir auf dem Dachboden schauen – ich sollte noch einiges von meinem Großen haben.“
Während mir Andrea in die Hose und das T-Shirt half, kümmerte sich Jenny, die erstaunlich schnell wieder da war, um mein Bett.
Die ganze Aktion dauerte keine zehn Minuten, und ich lag schon in einem frisch bezogenen Bett, während Andrea auf der Bettkante saß.
Jenny hatte das Zimmer wieder verlassen.
„Siehst du, als wäre nichts gewesen,“ sagte Andrea zu mir.
„Wo ist das Nilpferd?“ fragte ich.
„Oh, das ist, glaube ich, auf Nil-Rundfahrt in der Waschmaschine. Es hat ganz schön was abbekommen,“ gab Andrea zurück.
„Andrea?“ fragte ich fast flüsternd. Andrea stand auf und hockte sich neben das Bett, sodass sie mit mir auf Augenhöhe war.
„Ich habe immer noch Angst. Ich habe wieder von Prag geträumt,“ sagte ich leise.
Ihr Blick wurde sehr weich. Ich glaube, dass sie das auch mitnahm.
„Ja, das glaube ich dir. Du bist jetzt hier, und wir beschützen dich, versprochen!“
Danach setzte sie sich neben mich, regelte das Licht herunter und hielt meine Hand, bis ich eingeschlafen war.
Beim nächsten Hochschrecken war sie immer noch neben mir. Das wiederholte sich wohl noch mehrere Male in dieser Nacht,
aber an einen Großteil davon kann ich mich nicht mehr erinnern.
Trotz der Unterbrechungen fühlte ich mich am nächsten Morgen ziemlich fit.
Andrea war schon weg, und Katja zog gerade die Vorhänge auf, als ich erwachte.
„Guten Morgen, kleiner Schlafratz. Andrea hat mir erzählt, dass du eine anstrengende Nacht hinter dir hast.
Deshalb haben wir dich bis jetzt schlafen lassen. Aber das Mittagessen wollte ich dich nicht verpassen lassen,
das wäre ja unverantwortlich,“ sagte sie mit einem warmherzigen Lächeln.
Mittagessen? So spät? Mein knurrender Magen stimmte Katja zu. Als ich die Decke weggeschlagen hatte,
sah ich, dass die Windel auch diesmal das Maximum ihrer Kapazität überschritten hatte.
Dieses Mal waren aber nur meine Hose und die Unterlage nass, das restliche Bett blieb trocken.
„Bei deinen Windeln müssen wir mal schauen, dass wir zumindest für die Nacht etwas bekommen, das mehr aufnimmt,“
kommentierte Katja den Zustand meiner Hose.
Es begann das übliche morgendliche Spiel: Windel ab, duschen, Zähneputzen, frische Windel und Anziehen mit Hilfestellung.
Ich fand die Routine gut, sie gab mir das Gefühl von Beständigkeit und Sicherheit.
Die Unterhose spannte auch heute wieder ziemlich über der Windel, aber darüber gab es eine dunkelblaue Jeanshose mit Gummizug,
die sie ganz bequem machte. Mein hellblauer Pullover war heute mit einem lachenden Lightning McQueen verziert.
Meine Bettdecke war weg, als ich mich zum Mittagessen auf mein Bett setzte. Ich nehme an, Katja hat sie zur Wäsche gegeben,
als sie die Krankenunterlage ausgetauscht hat. Zum Essen gab es Kartoffeln mit Spinat und Ei – definitiv nicht meine Favoriten,
aber ich hatte Hunger und es gab reichlich Tee zum Runterspülen. Dafür schmeckte der Schokoladenpudding mit Sahne umso besser.
„Jetzt waschen wir noch mal dein Gesicht, und wenn du möchtest, kannst du noch mal auf die Toilette, bevor wir zu deinem Termin gehen,“
sagte Katja, als sie mich ins Badezimmer begleitete.
Ich wollte nicht. Der Lego-Bagger rief. „Muss nicht,“ gab ich zurück, obwohl das nicht ganz stimmte.
Während ich am Waschbecken stand, spürte ich, wie mein Schritt wieder warm wurde.
Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass es sich vorher nicht angekündigt hatte.
Oben im Behandlungszimmer angekommen, stürmte ich direkt zum Tisch mit der angefangenen Lego-Baustelle von gestern
und begann schon mal weiterzubauen.
Thomas schien noch kurz etwas mit Katja zu besprechen, was ich nur am Rande registrierte.
Kurz darauf setzte er sich zu mir und reichte mir die passenden Steine laut Anleitung.
„Du machst das schon ziemlich gut. Ich habe mir gestern Abend noch einige Gedanken über all das gemacht,
was du mir erzählt hast, und die halbe Nacht mit Recherchen verbracht.“
Ich schaute kurz in sein Gesicht, da er wohl auf eine Reaktion wartete. Das schien ihn aus seinen Gedanken zu reißen.
„Es gibt eine Form der Amnesie, bei der Menschen mit einem Schädel-Hirn-Trauma Gedächtnislücken mit falschen Erinnerungen füllen,
ohne dass sie es wissen. Man nennt das Konfabulation. Aber vieles spricht dagegen.
Deine Erinnerungen sind zu detailliert – du müsstest sie vorher komplett einstudiert haben,“ sagte er.
Mit großen Augen sah ich ihn an: „Du glaubst mir also, dass ich mir das nicht ausgedacht habe?“
Er lächelte und antwortete: „Bei dem, was du mir gestern alles erzählt hast, müsstest du einen erheblichen Teil deines Lebens damit verbracht haben,
dich auf dieses Gespräch vorzubereiten. Trotzdem glaube ich nicht, dass du und der andere Benjamin ein und dieselbe Person seid.
Ich kann dir nicht sagen, wie es funktioniert, aber ich vermute, dass ihr dieselben Erinnerungen teilt.
Dein Verhalten – und das meine ich nicht abwertend, bitte nicht falsch verstehen – ist nicht das eines Erwachsenen.
Du verhältst dich im Großen und Ganzen so, wie sich ein kleiner Junge verhalten sollte.
Vielleicht ein klein wenig cleverer, was deinen Erinnerungen geschuldet ist,
aber du scheinst viel mehr zu wissen, als es für ein Kind in deinem Alter üblich ist.“
Es klopfte an der Tür. „Das sollte Katja sein. Wir machen eine kleine Pause,
damit du dich stärken kannst, und der deutlichen Ausbeulung deiner Hose nach zu urteilen,
ist auch eine frische Windel fällig.“ Mit diesen Worten erhob er sich und ging zur Tür.
Auch hier kann ich nur sagen Feedback ist erwünscht, es erhöht die Motivation eines Schreibers ungemein.
Fortsetzung folgt…
Autor: Julius | Eingesandt via Mail
Diese Geschichte darf nicht kopiert werden.
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Teil 2 und 3 sind die gleichen Geschichten daher bitte den echten Teil 3 Nachreichen 😁
Jeep da ist etwas schief gelaufen wurde Korrigiert. 🙂
Danke das Du den richtigen dritten Teil so zügig wie es möglich war nachgereicht hast. Das lässt keine Leselücke bei mir und den anderen. Freu mich auf die anderen Absätze die ja schon verfügbar sind.
Super 1++++++