Zwischen Gestern und Morgen (6)
Dieser Eintrag ist Teil 6 von 23 der Serie Zwischen Gestern und Morgen
Windelgeschichten.org präsenriert: Zwischen Gestern und Morgen (6)
hr Kennt das Spiel.
Feedback ist weiterhin erwünscht und neben der Freude an der eigenen Geschichte die größte Motivation.
Und weiter geht es mit dem kleinen Abenteuer.
Katja fragte mich leise: „Wie fühlst du dich?“
„Ich hab Hunger“, sagte ich ebenso leise.
Katja streichelte mir über den Kopf, während sie mich mit der anderen Hand immer noch fest umklammerte.
„Wir gehen bestimmt gleich wieder in dein altes Zimmer.
Die Schwester von vorhin müsste gleich kommen und dich von der Intensivstation entlassen.
Herr Eger schien keine anderen Anweisungen gegeben zu haben.“
„Warum wollte der Arzt vorhin, dass du rausgehst? Du bist doch auch Krankenschwester“,
fragte ich, weil mir das schon seltsam vorgekommen war.
Sie zuckte mit den Schultern.
„Weißt du, auch im Krankenhaus sind wir manchmal nicht alle im selben Team – leider.
Obwohl ich zugeben muss, dass ich da manchmal auch nicht anders bin. Herr Prof. Dr. Eger ist ein über korrekter, alter Griesgram“,
sie musste kurz schmunzeln.
„Aber er hatte nicht unrecht. Ich bin leider nicht deine Mama und habe keine Vormundschaft für dich.
Daher darf er mir zu deinem Gesundheitszustand nichts sagen. Auch das Argument,
dass ich diese Information für die Arbeit auf der Kinderstation brauche, ist nicht ganz wasserdicht, wenn du verstehst,
was ich meine. Zum einen bist du im Moment nicht auf der Kinderstation, sondern auf der Intensivstation, und zum anderen habe ich Urlaub genommen.“
Plötzlich packte mich eine Angst: „Bist du dann nicht mehr bei mir?“
Sie schüttelte den Kopf, was ich falsch verstand, und brach in Tränen aus.
„Benni, ich habe Urlaub genommen, um rund um die Uhr bei dir zu sein“, erklärte sie ruhig.
Verwirrt blickte ich sie an, die Tränen versiegten, und eine leichte Hoffnung keimte in mir auf.
„Ich habe mit meinem Chef gesprochen. Er hat mir erlaubt, in Anbetracht der besonderen Umstände bei dir im Zimmer zu bleiben,
so wie es bei anderen Kindern eine elterliche Begleitperson macht. Ich werde in deinem Zimmer schlafen, wir werden zusammen essen und alles,
was du machst, machen wir gemeinsam. Und gerade jetzt werde ich dich keine Sekunde allein lassen.“
In mir stieg Freude und tiefe Zuneigung auf. Ich schaute ihr ins Gesicht. „Katja, ich wünschte, du wärst meine Mama“,
sagte ich und musste sie dann ganz fest umarmen.
Katja umarmte mich auch fest und sprach mit gerührter Stimme: „Ich auch, Benni, ich auch.“
Mit gefasster und entschlossener Stimme fragte sie mich: „Wollen wir mal zusammen schauen, wo Michaela bleibt?“ Ich nickte. „Ja, ich hab nämlich Hunger.“
Katja hob mich von ihrem Schoß und setzte mich mit den Worten ab: „Ich glaube, eine frische Windel ist vor dem Essen fällig, die läuft ja schon aus.“ Verlegen schaute ich nach unten.
„Ich dachte, das Thema hätten wir schon geklärt. Du kannst da nichts dafür, und als deine angehende, hoffentlich bald Mama gehört es zu meinen Aufgaben, sicherzustellen, dass du dir darüber keine Gedanken machen musst. Dafür sind Mamas nämlich da!“
Ein Ruck ging durch meinen Körper. Strahlend blickte ich sie an und fragte aufgeregt: „Bald Mama? Du willst meine Mama werden? Geht das?“
Katja antwortete hoffnungsvoll: „Wenn es nach mir geht, ja. Gehen tut das schon, aber es ist nicht so einfach. Zuerst muss das Jugendamt zustimmen, dass man überhaupt adoptieren darf. Das hat man bei mir aber schon vor vier Jahren getan und es scheint noch gültig zu sein. Aber normalerweise kann man sich das Kind, das man adoptiert, nicht aussuchen. Das wird vom Jugendamt und manchmal auch in Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern bestimmt. Zu guter Letzt hat auch das zu adoptierende Kind in diesem Fall du, noch ein Mitspracherecht.“
Ohne zu zögern und voller Vorfreude sagte ich: „Ich will!“
Katja schaute mich liebevoll an. „Das freut mich. Aber zum einen wird der Part mit dem Jugendamt der schwierigste. Da hoffe ich insgeheim auf die Verhandlungs künste von Thomas. Er hat nicht nur einen guten Draht zu Kindern, sondern auch zu einigen wichtigen Menschen im Jugendamt. Und zum anderen musst du dir klar sein, dass ich damit die volle Verantwortung für dich übernehme. Ich kann nicht immer Entscheidungen treffen, die dir gefallen, aber es werden immer Entscheidungen sein, die ich zu deinem Besten treffe.“
Dann streckte sie ihre Arme aus. „Und jetzt komm in meine Arme, wir gehen Michaela suchen – und wir haben keine Schuhe für dich.“
Ihr könnt euch sicher denken, dass ich da keine Sekunde gezögert habe.
Wir fanden Michaela, die gerade an einem Stationstresen ein Formular bearbeitete. „Katja, braucht ihr was? Du hättest doch die Ruftaste drücken können.“
Katja lächelte. „Stimmt, das wäre eine Möglichkeit gewesen. Es waren wohl ein paar lange Nächte zu viel.“
Michaela lächelte uns an. „Okay, das lasse ich gelten. Was kann ich nun für euch tun?“
Katja lächelte zurück. „Wir warten auf die Entlassung auf die Kinderstation. Ich hatte vorhin nicht den Eindruck, dass Benjamin weiter auf der Intensivstation bleiben muss. Außerdem hat der kleine Mann Hunger und eine frische Windel wäre auch überfällig.“
Michaela schien amüsiert. „Uh, du hast noch nicht wirklich mit Herrn Eger gearbeitet. Im Grunde hast du recht, die Entlassung kommt heute, aber vor dem späten Nachmittag wird da nichts passieren. Entlassungen gibt er immer erst zu später Stunde frei – kannst dir sicherlich denken, warum, wegen der Abrechnung.“
Katja antwortete resigniert: „Stimmt, das hätte ich mir denken können.“
Michaela sprach etwas leiser: „Ihr habt zwei Möglichkeiten: Das Frühstück ist schon durch, aber das Mittagessen müsste in einer halben Stunde auf der Station stehen, das könnte ich euch als Erstes geben. Und an einer frischen Windel soll es nicht scheitern. Oder,“ ihr Blick wurde verschwörerisch, „ihr geht jetzt einfach runter und ich bringe die Papiere nachher. Der kommt heute eh nicht nochmal auf die Station, es sei denn, irgendwo brennt es massiv – und selbst dann hat er nie die Patienten durchgezählt“, endete sie lachend.
Katja schmunzelte. „Du hast einen gut bei mir. Wir sind dann unten. Auf geht’s, mein Kuschel-Bär.“
Jetzt war es Michaela, die schmunzelte.
Zurück in unserem Zimmer legte Katja mich auf mein Bett, das noch unverändert hier stand, als wären wir gerade erst in den Park aufgebrochen. Sie legte allerhand Utensilien bereit. „Zuerst machen wir dich mal frisch.“
Das ging wie immer routiniert und schnell: Windel ab, schnelles Säubern mit Feuchttüchern, und frische Windel dran.
Ich wollte mich schon wieder aufrichten, als Katja mich aufhielt.
„Bleib bitte liegen, ich entferne jetzt erst deinen Venenzugang am Hals. Das tut nicht weh, keine Sorge, ich mache es ganz vorsichtig. Es könnte sich aber ein bisschen komisch anfühlen.“
Es fühlte sich wirklich komisch an, aber ich hatte vollstes Vertrauen zu Katja.
„So, das hast du super gemacht. Jetzt kannst du aufstehen und wir ziehen dir das Hemd aus.“
Als ich gerade nur in meiner Windel auf der Bettkante saß, klopfte es an der Tür.
Katja rief: „Wer ist da?“ Die Tür öffnete sich einen Spalt und eine mir unbekannte weibliche Stimme fragte:
„Katja, bist du hier drin?“
Katja drehte sich zur Tür. „Anja, bist du das?“
Die Tür öffnete sich weiter und ich sah das Gesicht einer Frau, die so alt wie Katja seien könnte. Sie schien sich zu freuen, Katja zu sehen.
„Da bist du ja. Geht es dir gut? Du klangst heute Morgen so aufgebracht am Telefon. Und Thomas wollte mir nicht verraten, worum es ging.“ Ihr Blick erfasste mich. „Und du bist bestimmt Benjamin, der kleine Mann, der hier seit einer Woche die Welt von so vielen Leuten auf den Kopf stellt.“ Sie lächelte mich an, als sie das sagte.
Katja antwortete für uns beide: „Ja, das ist Benjamin, und das dort ist meine beste Freundin Anja. Wir kennen uns schon seit unserer Kindheit.“
Katja schien sich sehr zu freuen, dass Anja da war. „Komm rein und mach die Tür zu. Ich will meinen Kleinen hier nur schnell anziehen, dann können wir reden.“
Anja schloss die Tür, nachdem sie das Zimmer betreten hatte. Sie hatte eine große, rote Reisetasche dabei, die sie neben einen der beiden Wandschränke stellte.
Katja zog mir eine grüne Jogginghose, eine Unterhose, die sogar vernünftig über meine Windel passte, ein schlichtes Unterhemd und einen schwarzen Pullover mit einem grünen Tyrannosaurus-Motiv an.
„So, das wäre auch geschafft. Jetzt bist du wieder vorzeigbar“, sagte sie, während sie sich zu Anja drehte. „Ah, du hast meine Notfalltasche mitgebracht. Du bist meine Rettung“, fügte sie leicht erheitert hinzu.
Anja schaute Katja nachdenklich an: „Ja, er ist nach eurem Gespräch heute Nacht gleich los und hat sie geholt, aber dann doch zu Hause liegen gelassen. Aber du siehst nicht wirklich glücklich aus. Möchtest du darüber reden?“
Katja setzte sich neben mich aufs Bett und nahm mich auf ihren Schoß, während sie mich erneut umarmte. Davon konnte ich nicht genug bekommen – da konnte der Hunger warten. Ich lehnte mich an und entspannte mich. „Ich kann nicht über alles reden, was mich im Moment beschäftigt, aber ich kann dir versichern, dass Thomas nichts falsch gemacht hat. Ich habe eine Information bekommen und sie falsch interpretiert. Zusammengefasst kann man sagen, dass mein Benjamin sehr viel durchmachen musste, und ich seine Reaktion aufgrund meiner Unkenntnis seiner Vorgeschichte falsch gedeutet habe. Es tut mir im Nachhinein sehr leid, weil er dadurch zusätzlich Angst hatte, etwas falsch gemacht zu haben. Dazu kommt der Zwischenfall gestern Vormittag und der wenige Schlaf.“
Mit verständnisvollem Blick antwortete Anja: „Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich mache mir schon Sorgen, wenn einer der Zwillinge mal mit einer Erkältung im Bett liegt.“
Langsam kam die Müdigkeit zurück. Mein Kopf lag so angenehm an Katjas Brust gelehnt, und ich konnte wieder ihren Herzschlag rhythmisch hören. Ich schloss die Augen und gab dem Gefühl nach. In diesem Moment spürte ich, wie sich auch meine Blase entleerte. Katja setzte mich wieder aufrecht auf ihren Schoß, was das Einschlafen verhinderte.
„Nicht einschlafen, Benni. Wir wollen doch noch etwas essen. Danach kannst du gerne einen Mittagsschlaf machen.“
Anja lächelte uns an. „Wenn ich euch zwei so sehe, verstehe ich, was Thomas meinte, als er sagte: ‚Wenn du das jetzt nicht machst, wirst du dich immer fragen, was gewesen wäre, wenn.’“
Katja blickte mich wieder hoffnungsvoll an. „Ja, hoffen wir mal, dass alle, die in diesem Fall etwas zu entscheiden haben, das genauso sehen. Ich hoffe es so sehr. Ich möchte mir nicht vorstellen, ihn…“ Sie sprach nicht weiter und wandte sich an Anja. „Ich möchte dich nur ungern rausschmeißen, aber ich will, dass der kleine Schlafratz hier noch etwas isst, bevor ich ihn hinlege.“
Anja sah uns verständnisvoll an. „Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Wir finden später bestimmt noch Zeit zum Reden. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Zwillinge nicht abgeneigt wären, einen neuen Spielkameraden zu bekommen.“
Während Anja sich zur Tür begab, stürmte plötzlich Thomas gehetzt ins Zimmer. „Da seid ihr ja!“, sagte er, diesmal deutlich aufgewühlter, als ich ihn bisher kennengelernt hatte.
„Schatz, du bist auch hier. Wo sind die Zwillinge?“, fragte er Anja sofort. Diese riss überrascht die Augen auf. „Thomas, was ist denn mit dir passiert? Ist etwas nicht in Ordnung?“ Er wirkte fahrig. „Anja, wo sind Elias und Leon?“ Jetzt leicht aufgebracht, antwortete sie: „Das habe ich dir doch heute Morgen gesagt! Sie sind bei meinen Eltern. Was ist denn nur los?“
Thomas atmete sichtlich tief durch. „Zu viel, um es jetzt so schnell zusammenzufassen. Bitte ruf deine Eltern an und sag ihnen, sie sollen niemanden reinlassen. Wir fahren gleich zu ihnen, ich erkläre es dir unterwegs.“
Anja zückte ihr Telefon, ohne weitere Fragen zu stellen, während Thomas sich uns zuwandte. „Ich glaube, die Sache ist sehr ernst. Ich habe versucht, diesen Herrn Hauser zu erreichen, aber sein Telefon war ausgeschaltet. Also habe ich einen Bekannten bei der Polizei in Passau angerufen. Er hat mir erzählt, dass Herr Hauser seit zwei Tagen vermisst wird. Und mir die Telefonnummer einer Frau Grünwald gegeben. Nachdem ich ihr in groben Zügen erklärt hatte, was ich von Herrn Hauser wollte, wurde sie ernst und meinte, dass es hier vielleicht einen Zusammenhang gibt. Ich solle mit euch nach Passau ins Polizeirevier kommen. Auf dem Weg zu euch bin ich noch schnell in mein Büro, das wurde durchwühlt – mein Computer ist weg. Ich habe Frau Grünwald gleich nochmal angerufen. Sie will auf Nummer sicher gehen und lässt dich und Benjamin von zwei Kollegen abholen. Bitte packt das Nötigste zusammen, ich glaube, dass ihr jetzt ein paar Tage weg seid. Sobald die Polizisten euch abgeholt haben, fahre ich mit Anja zu meinen Schwiegereltern. Ich will meine Familie an einem sicheren Ort wissen. Ich komme später zu euch. Katja, kannst du bitte Andrea anrufen und ihr Bescheid geben, dass sie ebenfalls vorsichtig sein soll? Wenn ihr irgendetwas komisch vorkommt, soll sie sofort die Polizei rufen. Hatte sonst noch jemand Kontakt zu Benjamin, der in Gefahr sein könnte?
Katjas Umarmung wurde immer fester, während Thomas alles in einer Geschwindigkeit erklärte, dass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Sie verströmte eine Unruhe, die sich auf mich übertrug.
„Kommt der dunkle Mann jetzt nochmal zu uns?”, fragte ich an Katja gewandt.
Katja stand zügig mit mir auf und setzte mich vor sich auf mein Bett. Sie blickte mir in die Augen: „Ich bin bei dir, Benjamin! Mach dir keine Sorgen. Wenn der nochmal kommt, kann er was erleben! Dir wird niemand mehr wehtun, okay?” Sie sagte das in einer Ruhe und Überzeugung, dass ich ihr glaubte.
„Du bleibst jetzt bitte kurz hier sitzen, und ich packe schnell ein paar Sachen zusammen.” Sie ging zu den Schränken, nahm die Tasche vom Jugendamt heraus und wandte sich kurz an Thomas:
„Frau Landgraf und Frau Müller von der Jugendhilfe und alle Ärzte, die ihn hier seit seiner Aufnahme behandelt haben, wo willst du einen Strich ziehen?”
Damit begann sie, Kleidungsstücke neben der Tasche zu stapeln.
„Du hast Recht, wir können schlecht ganz Grafenau informieren.” Katja unterbrach kurz ihre Bemühungen, so viel wie möglich in die Tasche zu bekommen, schaute zu mir:
„Alles gut, Benjamin?” Ich nickte.
„Wann gehen wir essen?” Katja schien kurz überrascht und nickte leicht in Gedanken:
„Stimmt, da finden wir auch noch eine Lösung.” Sie wandte sich wieder der Tasche zu und sprach zu Thomas:
„Am besten nennen wir der Polizei alle Namen von den Leuten, die uns einfallen und in der Zeit hier Kontakt mit ihm hatten.”
Anja meldete sich nun zu Wort: „Kann mir mal jemand erklären, was hier eigentlich los ist?”
Thomas antwortete: „Wenn wir zu deinen Eltern fahren, werde ich versuchen, es grob zu erklären, aber aufgrund der Schweigepflicht kann ich dir leider nicht alles erzählen.”
Katja nahm die rote Reisetasche, die Anja ihr mitgebracht hatte, und räumte sie komplett aus.
„Anja, kannst du mir bitte aus dem Badezimmer das Paket mit den Windeln geben? Es sollte gleich hinter der Tür im Regal stehen.”
Thomas sagte: „Meinst du nicht, dass du dich auch umziehen möchtest?”
Katja schaute an sich herunter. „Du hast Recht, daran habe ich gar nicht gedacht.” Sie nahm einen Stapel Kleidung und schaute etwas unschlüssig zu mir.
„Bleibst du kurz hier bei Thomas? Ich bin nur kurz im Badezimmer.” Ich überlegte kurz, aber Thomas war ja da. „Ist gut”, und ich lächelte ihr zu. Katja schien erleichtert und verschwand im Badezimmer.
Anja kam derweil mit einem angebrochenen Paket Windeln und verstaute es einfach in Katjas Reisetasche.
Thomas holte ein vibrierendes Telefon aus seiner Tasche.
„Huber.”
„Ja, wir sind im dritten Stock, Kinderstation, Zimmer 232.”
„Danke, bis gleich.”
Er legte auf und klopfte ans Badezimmer. „Katja, die Polizisten sind in 20 Minuten hier.“
Danach wandte er sich zu mir: „Benjamin, wenn ihr dann dort seid, versucht bitte auf mich zu warten, bevor ihr eine Aussage macht. Auch wenn es nicht einfach für dich wird, es wäre gut, wenn du mich von der ärztlichen Schweigepflicht gegenüber der Polizei oder zumindest gegenüber diesem einen Polizisten entbindest.
Wobei ich nicht weiß, ob das dann noch einen Unterschied macht. Du hast absolut nichts falsch gemacht. Ich denke, dass wir nur eine Chance haben, wenn wir die Wahrheit sagen. Wartet aber bitte, bis ich bei euch bin. Ich bin zwar kein Anwalt, aber ich glaube, ich kann es so erklären, dass keine Missverständnisse entstehen. Okay?“
„Können wir nicht einfach sagen, dass sie den dunklen Mann fangen müssen?“
„Leider nicht. Wir wissen ja nicht, ob er das alleine macht oder ob da noch mehr dahinterstecken. Solange wir nicht herausfinden, warum sie das tun, können wir uns nie sicher sein, dass es aufhört.
„Dann müssen wir es sagen! Ich will, dass es aufhört!“
„Das ist genau die richtige Einstellung, Großer.“ Thomas lächelte mich an.
Katja kam aus dem Badezimmer – so habe ich sie noch nie gesehen. Für einen Moment erschrak ich. Sie warf einen letzten Blick in beide Schränke und dann in die Taschen.
„Das sollte erstmal für die nächsten Tage reichen, mehr passt auch nicht hinein.“ Sie nahm eine Windel und Feuchttücher heraus und kam zu mir.
„Wir machen dich am besten gleich nochmal frisch. Wer weiß, wann wir das nächste Mal dazu kommen.“
Während Katja mir die Windel wechselte, klopfte es an der Tür. Thomas ließ die beiden Polizisten herein. Ich war schon wieder angezogen, bevor sie das Zimmer betraten. Katja war wirklich schnell.
„Grüß Gott, mein Name ist Kurz, und das ist Herr Wolf.“
Ich griff nach Katjas Hand. Irgendwie machten sie mir Angst. Beide waren groß, aber nicht so groß wie Thomas. Doch sie trugen Uniformen, Waffen und Handschellen. Hoffentlich sind sie nicht böse mit uns
Katja hob mich hoch, und ich war sehr dankbar.
„Es ist alles gut, Benni, die passen auf uns auf. Vor der Polizei muss man keine Angst haben.“
„Wer ist denn jetzt wer?“, fragte der Polizist, der sich als Herr Kurz vorgestellt hatte.
Thomas ergriff das Wort: „Die beiden dort“, er zeigte auf uns, „sind der kleine Benjamin Stenzel und Frau Katja Hofmeister. Und wir beide, meine Frau Anja und ich, sind Thomas Huber. Ich hatte mit Frau Grünwald besprochen, dass Sie die beiden mitnehmen. Ich würde dann später nachkommen, ich möchte nur vorher meine Familie in Sicherheit wissen.“
Herr Kurz schaute zu uns. „Haben Sie alles, was Sie brauchen?“ Katja zeigte auf die Taschen. „Könnten Sie vielleicht die Taschen nehmen? Ich würde ihn gerne bis zum Auto tragen. Er ist ziemlich fertig.“
Herr Wolf nahm die beiden Taschen in eine Hand. „Da seid ihr ja gut vorbereitet“, sagte er und wog die Taschen in der Hand. Katja schaute ihn kurz an, bevor sie sich mit mir Richtung Tür bewegte. „Benjamin hat etwas mehr Bedarf“, und dann leiser zu mir: „Aber das ist nicht schlimm.“
Auf dem Weg zum Fahrstuhl kam uns ein Mann im weißen Kittel entgegen. Katja stoppte abrupt. Es war Herr Eger von heute Morgen. „Mir ist gerade eingefallen, dass wir noch einen Adrenalin-Autoinjektor für Benjamin brauchen, nur für den Fall der Fälle.“ Er schaute zu den Polizisten und dann wieder zu Katja. „Ja, den brauchen Sie, aber wir müssen den normalen Dienstweg einhalten. Sie wissen, dass ich Ihnen so etwas nicht einfach aushändigen kann.“
Katja blieb ruhig. „Okay, warten Sie bitte kurz.“ Sie setzte mich ab und griff nach ihrem Telefon.
„Hallo, Herr Obermeyer, hier ist nochmal Frau Hofmeister. Sie haben mir gestern gesagt, ich soll mich melden, wenn Sie noch etwas für mich tun können.“ Herr Egers Gesichtszüge entglitten kurz. „Ja, ich fahre jetzt mit Benjamin in Begleitung der Polizei zur Wache nach Passau.“ Herr Egers Kopf wurde langsam rot. „Ja, genau. Er benötigt wegen seiner Allergie einen Adrenalin-Autoinjektor, deswegen rufe ich an. Ich stehe gerade vor Herrn Prof. Dr. Eger. Sie wissen ja, wir müssen den Dienstweg einhalten.“ Katja blieb völlig ruhig und überreichte Herrn Eger das Telefon mit den Worten: „Ist für Sie.“
Herr Eger nahm das Telefon. „Guten Tag, Herr Obermeyer. Ja, mache ich. Ich verstehe. Ihnen auch.“ Er gab Katja das Telefon zurück, zückte einen Block und schrieb schnell etwas auf. Mit einer ruckartigen Bewegung riss er das Blatt ab und übergab es Katja mit den Worten:
„Hoffen Sie, dass Sie niemals in meine Abteilung versetzt werden“, und ging zügig weiter.
Katja hob mich wieder hoch und sagte leise zu mir: „Das war jetzt nicht unbedingt das Verhalten, das ich dir vorleben möchte, aber manchmal muss man andere zwingen, im selben Team zu spielen.“
Auf dem Weg nach unten gingen wir in einen kleinen Raum, auf dem „Dispensarium“ stand. Sie setzte mich ab und übergab einer Frau im weißen Kittel den Zettel von Herrn Eger.
Die Frau sah erst zu Katja: „Hallo Katja, heute etwa in Zivile?“ Dann blickte sie kurz auf den Zettel und zu mir. „Für ihn?“ Katja antwortete: „Ja, gestern ist es fast schiefgegangen.“ Die Frau verschwand kurz und kam nach wenigen Sekunden mit einem kleinen roten Koffer wieder zurück. „Ich wusste gar nicht, dass du ein Kind hast.“ Katja streichelte mir über den Kopf. „Hatte ich bis jetzt auch nicht.“
Sie nahm den Koffer, hob mich wieder hoch, und als wir den Raum verließen, sagte Katja: „Danke, wir sehen uns.“ Ich blickte in das Gesicht der Frau, das von vielen Fragezeichen geprägt war.
Anschließend gingen wir nach unten. Als wir am Fahrzeug ankamen – es war ein 5er BMW in typischer Polizeiaufmachung – verstaute Herr Wolf die Taschen im Kofferraum. Herr Kurz klappte eine Sitzerhöhung auf der Rückbank aus.
„Setzen Sie ihn bitte hierhin.“ Katja setzte mich auf die Erhöhung und schnallte mich an. Danach stiegen die drei ebenfalls ins Fahrzeug. Herr Wolf startete den Motor und fuhr los. Herr Kurz sprach ins Funkgerät
„Kurz an Zentrale, kommen.“
„Zentrale hört, kommen.“
„Fahre mit Zeugen vom Krankenhaus Grafenau zum Polizeirevier Passau, Einsatzfahrt ohne Sondersignal. Ankunft voraussichtlich in 45 Minuten. Kommen.“
„Zentrale verstanden. Melden bei Ankunft. Ende.“
Herr Wolf fuhr sehr ruhig. Katja sah zu mir und nahm meine Hand. „Ist alles gut?“ Ich schaute sie an. „Wann können wir essen? Ich habe Hunger.“ Katja schien aus ihren Gedanken gerissen. „Ach Benni, daran habe ich gar nicht gedacht.“
Sie wandte sich an Herrn Kurz: „Könnten wir eventuell unterwegs etwas zu essen mitnehmen? Benjamin hat seit mindestens 24 Stunden nichts gegessen.“
Herr Kurz lachte. „Und da ist er noch so ruhig! Meine Tochter würde mir jetzt die Hölle heiß machen.“
Er sah zu seinem Kollegen. „Du hast es gehört. Fahr etwas schneller, der Kleine hat mächtig Kohldampf.“
Auch Herr Wolf musste lachen. Herr Kurz wandte sich wieder an Katja: „Wir lassen uns etwas liefern.
Wir haben die Anweisung, euch direkt zum Revier zu bringen.“
Beim Blick aus dem Fenster gab es so viel zu sehen, dennoch wurden meine Augen immer schwerer. Irgendwann konnte ich nicht mehr und schlief ein.
Fortsetzung folgt…..
Autor: michaneo | Eingesandt via Mail
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Danke, danke, danke.
Ich liebe diese Geschichte….und so Spppaaaannneeenndd.
Freue mich schon auf den nächsten Teil
Also die Geschichte an sich ist toll geschrieben, allerdings ist es keine Windelgeschichte.