Zwischen gestern und Morgen (9)
Dieser Eintrag ist Teil 9 von 23 der Serie Zwischen Gestern und Morgen
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Ihr Kennt das Spiel.
Feedback ist weiterhin erwünscht und neben der Freude an der eigenen Geschichte die größte Motivation.
Die Aufzeichnung verfolgte ich aufmerksam auf Katjas Schoß, sie hielt mich die ganze Zeit fest in ihren Armen. Ich fühlte mich sicher und verspürte keine Angst. Nur meine Windel musste im Moment einiges aushalten.
Ich konnte mich nicht an das Aussteigen aus dem Zug erinnern, und auch die Aufzeichnung änderte nichts daran. Aber als ich mich da so laufen sah und ins Taxi einstieg, musste ich an die Flucht durch den Wald denken.
Ich bin gerannt, bis ich vor Erschöpfung fast umgefallen bin. Erst als ich langsamer wurde, realisierte ich, dass ich ganz allein in einem dunklen Wald war. Aber der Mond spendete genug Licht, sodass ich nicht ständig stolperte. In der Ferne sah ich Lichter, auf die ich zulief.
Meine Beine schmerzten; ich muss irgendwo hängen geblieben sein. Es war unheimlich im Wald, aber ich war froh, dem Taxifahrer entkommen zu sein. Der Kopfschmerz wurde jedoch immer schlimmer. Ich hielt auf die Lichter zu. Nach einem kurzen Fußmarsch betrat ich eine Lichtung. Mir wurde langsam kalt, meine Jacke war noch im Taxi, genauso wie meine Schuhe. Auf der Lichtung war es sehr windig, was die Kälte noch unerträglicher machte. Völlig durchgefroren erreichte ich ein Dorf. Ich klingelte am ersten Haus, das ich erreichen konnte, aber niemand öffnete. Das gleiche passierte beim zweiten Haus. Doch im Vorgarten hing eine Decke, die ich mir über die Schultern legte. Sie war so groß, dass sie auf dem Boden schleifte. Der Kopfschmerz wurde unerträglich. Auf dem Weg zum nächsten Haus lief ich an einer Bushaltestelle vorbei. Ich wollte mich nur kurz auf der Bank ausruhen, aber die Erschöpfung überkam mich.
„Hast du jemanden von den beiden Männern erkannt, Benjamin?“ fragte Frau Grünwald nach den Aufzeichnungen.
„Nein, habe ich nicht. Selbst wenn die Gesichter nicht von den tiefhängenden Mützen verdeckt gewesen wären, wüsste ich nicht, wen ich hätte wiedererkennen sollen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Okay, Benjamin, ist dir sonst noch etwas aufgefallen oder eingefallen, als du das Video gesehen hast?“
Ich überlegte, wie ich das jetzt wiedergeben sollte.
„Benjamin, ist dir etwas eingefallen?“ fragte Frau Grünwald nochmals mitfühlend.
Ich blickte auf den Tisch und sprach sehr leise, weil ich niemanden ansehen wollte, während ich meine Gedanken schilderte.
„Nach dem Taxi war der Wald so dunkel. Meine Beine taten weh, ich hatte richtig Schmerzen. Ich wollte nur weg, einfach nur weg. Also bin ich weitergelaufen, immer weiter, bis ich in ein Dorf kam. Dort habe ich bei zwei Häusern geklingelt, aber niemand hat aufgemacht. Dann habe ich mir eine Decke aus einem Vorgarten genommen und bin zur Bushaltestelle gegangen. Dort habe ich mich hingesetzt und bin eingeschlafen.“
Jetzt lief mir doch eine Träne über das Gesicht. Aber es war nicht so schlimm wie gestern Abend.
„Danke, Benjamin“, sagte Frau Grünwald mitfühlend.
Katja drückte mich fest an sich. „Das hast du echt toll gemacht. Es war sehr mutig von dir, da ganz allein im Wald zu sein. Schade, dass dir niemand aufgemacht hat, aber das mit der Decke war eine gute Idee.“
Frau Grünwald richtete nochmal das Wort an mich, diesmal sah ich sie an. „Wirklich, Benjamin, das hast du ganz toll gemacht. Und dass du uns das erzählt hast, hilft uns weiter, da bin ich sicher.“ Danach wandte sie sich an Herrn Richter: „Ich möchte, dass die Spurensicherung alle Wälder rings um Rosenau durchkämmt. Vielleicht finden wir den Ort, an dem es passiert ist. Versucht auch herauszufinden, wo er geklingelt hat und warum ihm niemand geholfen hat! Sobald die Fahndung nach dem Taxifahrer etwas ergibt, möchte ich informiert werden. Und Herr Richter, gute Arbeit mit den Aufnahmen!“
Nun richtete sich die Aufmerksamkeit auf uns. „Wie Sie gesehen haben, müsste es schon ein großer Zufall sein, dass die beiden Männer ausgerechnet dieses Taxi nahmen. Sie müssen nach Benjamin gesucht haben. Woher wussten sie, dass Benjamin in diesem Taxi war? Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man glauben, sie hätten immer noch vermutet, er sei in dem Fahrzeug.“
Jetzt schaute sie wieder zu mir.
„Kannst du dich an ein Telefon oder ein anderes Gerät erinnern, das du bei dir hattest?“
„Nein.“ Ich konnte mich zwar an mein altes Smartphone erinnern, es war ein Google Pixel, aber ich denke nicht das ich es in der Nacht bei mir hatte.
Thomas meldete sich zu Wort: „Glauben Sie, man hat ihn getrackt?“
„Wenn unser Gedankenspiel zutrifft, wäre das, worin Benjamin verwickelt ist, sicherlich ein Projekt, das sehr viel Geld gekostet hat. Ich würde jederzeit wissen wollen, wo meine Investition steckt“, brachte Frau Grünwald ein.
Katja fragte besorgt: „Glauben Sie, man hat ihm einen GPS-Tracker oder etwas Ähnliches implantiert?“
„Ich würde es zumindest nicht ausschließen. Das würde erklären, wie sie ihn im Park am Krankenhaus abpassen konnten. Wobei ich dazu auch noch eine Frage hätte, aber dazu kommen wir gleich.“
Thomas fragte: „Aber warum haben sie ihn dann nicht gleich in Rosenau gefunden?“
Frau Grünwald: „Ja, das spricht dagegen. Sie sahen für mich zumindest so aus, als hätten sie ihn noch im Taxi vermutet.“
Herr Richter: „Was ist mit seinen Schuhen? Was, wenn dort etwas eingebaut war und der Taxifahrer sie anderswo entsorgen wollte? Wenn sie noch im Fahrzeug waren, hat er sie unwissentlich von seiner Spur abgebracht.“
Frau Grünwald: „Das ist bisher die schlüssigste Variante, erklärt aber immer noch nicht, woher sie wussten, dass er im Krankenhaus in Grafenau war.“
Thomas: „Wie gestern schon erwähnt, wurde mein Büro durchsucht, und mein Computer wurde mitgenommen. Was, wenn sie unsere Aktivitäten auf Benjamins Accounts zurückverfolgt haben?“
Frau Grünwald: „Auf jeden Fall möglich. Haben sie nur mit dem Computer nach Benjamin im Netz gesucht oder auch mit anderen Geräten?“
Thomas überlegte kurz: „Nein, ich denke nicht.“
Herr Richter fragte dazwischen: „Ist Ihr Computer mit anderen Geräten oder Accounts verknüpft?“
Thomas antwortete überzeugt: „Nein, Arbeit und Privat trenne ich strikt. Außerdem, ich bin zwar kein Informatiker, aber ich nutze eine AES-256-Verschlüsselung, die mir unser IT-Spezialist eingerichtet hat, für die meisten Daten auf meinem Arbeitscomputer.“
Frau Grünwald: „Okay, da kenne ich mich nicht aus. Trotzdem sollten Sie Ihre Mobiltelefone und Nummern wechseln. Außerdem sollte Benjamin ab jetzt nicht mehr ohne Personenschutz sein.“
Trotz der Aufregung wurde mir langsam langweilig. Ich fragte Katja leise:
„Darf ich das Lego aufbauen?“
Alle im Raum schauten zu mir, das war mir jetzt unangenehm.
„Klar, dafür haben wir es doch mitgebracht.“ Dabei streichelte sie mir über den Kopf, und ich stand auf, um zu sehen, wo ich mich hinsetzen könnte.
„Bleib doch hier neben mir am Tisch“, schlug Katja mir lächelnd vor. Wie konnte ich das ablehnen? Es wäre natürlich noch toller gewesen, wenn sie es jetzt mit mir zusammen aufgebaut hätte.
„Sie hatten noch eine Frage zum Zwischenfall im Krankenhaus?“ wandte sich Katja an Frau Grünwald.
„Ja, mich würde interessieren, warum man ausgerechnet Insektengift verwendet hat?“
„Wir wissen nicht einmal sicher, ob es Insektengift war, aber die Symptome passen dazu.“
Ab jetzt sprach Katja deutlich leiser:
„Und wenn sie mit ihrem Vorhaben Erfolg gehabt hätten, hätte man es vermutlich für einen Unfall gehalten.“
„Okay, mal angenommen, Benjamin hätte keine Allergie gegen Insektengift gehabt. Was wäre dann passiert?“ fragte Frau Grünwald.
„Außer einem schmerzhaften Stich vermutlich nichts – es sei denn, man nimmt eine sehr große Dosis. Aber dann wäre es vermutlich nicht mehr als Unfall durchgegangen“, antwortete Katja.
„Also wusste der Attentäter, dass Benjamin eine Allergie hat. Wo wird so etwas gespeichert?“
Katja: „Es gibt keine zentrale Meldestelle für so etwas. Das steht höchstens in der Krankenakte, vorausgesetzt, der Patient hat es bei einer Anamnese angegeben.“
„Okay, Herr Richter, kümmern Sie sich bitte um den Personenschutz für Benjamin. Und ich denke, wir sollten jetzt erst mal eine Pause einlegen. Was halten Sie davon, wenn wir etwas zu essen bestellen?“
Katja tippte mich auf die Schulter und sah mich liebevoll an, als ich aufsah.
„Hat der kleine Baumeister vielleicht Hunger?“
Das war jetzt schwer – essen geht eigentlich immer, aber ich habe noch drei Seiten vor mir, dann habe ich die erste von vier Bauanleitungen für meinen Bagger geschafft. Außerdem fühlte sich meine Windel gerade echt blöd an, sie war schon wieder so nass.
„Kann ich danach weiterbauen? Und kannst du die Windel wechseln? Sie ist schon wieder so nass.“
Katja steckte ihre Hand an einem Träger vorbei in meine Latzhose, um die Windel zu fühlen. Sie lächelte:
„Stimmt, die ist wieder ganz schön voll. Das machen wir gleich mal sauber. Aber nach dem Essen solltest du erstmal eine kleine Pause machen, ich glaube, du bist schon ziemlich müde, wenn ich dich so ansehe.“
Jetzt, wo sie es sagt, merke ich es auch, aber ich will unbedingt weiterbauen. Also entgegne ich trotzig:
„Ich bin gar nicht müde!“
Katja lächelte mich wieder an. „Jetzt machen wir dich erstmal frisch, und dann gibt es etwas zu essen.
Frau Grünwald wollte übrigens eine Portion Nudeln mit Tomatensoße für dich bestellen.“
Erst jetzt bemerkte ich, dass der Raum bis auf Katja und mich leer war. Wann sind denn alle gegangen?
Katja nahm mich hoch und ging mit mir zur Couch. Sie holte eine Windel und Feuchttücher aus dem Rucksack. Der Wechsel ging wie immer schnell, aber die neue Windel fühlte sich anders an – sie war viel dünner.
„Na, die passen doch wunderbar, da brauchst du noch ein paar Tage, bis du da rausgewachsen bist“, sagte sie lächelnd, bevor sie mir die Hose wieder hochzog und die Träger befestigte.
„Dreh dich bitte mal“, dabei gab sie mir einen sanften Klaps auf den Hintern.
„Und man sieht nicht mal, dass du eine Windel an hast – zumindest solange sie trocken ist. Wie fühlt sie sich an?“
Ich machte zwei Schritte hin und her und ging einmal in die Hocke. Sofort merkte ich, dass es viel angenehmer war.
„Viel besser“, sagte ich vielleicht etwas zu euphorisch. Aber die Windel dehnte sich und war nicht so steif. Perfekt für einen spielenden Entdecker wie mich.
Danach setzte ich mich mit Katja wieder an den Tisch, und sie half mir sogar beim Bauen. Nach 20 Minuten, die mir viel zu kurz vorkamen, betrat Thomas mit drei Tellern und Besteck den Raum.
„Der Bagger ist ja schon fast fertig“, kommentierte Thomas unseren Baufortschritt.
Für mich hätte es noch ewig so weitergehen können. Die Zeit, in der ich Katja ganz für mich allein hatte, war einfach wunderschön.
„Wenn wir fertig sind, sollen wir Frau Grünwald Bescheid geben. Sie hat hier im Gebäude ein Zimmer, in dem Benjamin eine Pause machen kann. Sie will dann erstmal nach Rosenau, um der Spurensicherung einen Besuch abzustatten“, fügte Thomas hinzu.
„Das trifft sich gut. Ich möchte auf keinen Fall, dass Benjamin irgendwo alleine schläft“, antwortete Katja.
Unterdessen spürte ich, wie meine Windel das erste Mal arbeiten musste. Instinktiv fasste ich nach unten in meinen Schritt, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass diese dünne Windel alles aufnehmen könnte. Sie schien ein wenig aufgequollen zu sein, soweit man das durch die Hose feststellen konnte, aber sie war nur kurz feucht. Die Nässe war schon gar nicht mehr zu spüren, nur noch die Wärme. Und ich muss gestehen, das fühlte sich richtig gut an.
Katja sah zu mir und schien sofort zu begreifen, was ich tat. „Oh, schlimm?“
Ich schüttelte fröhlich den Kopf. „Nein, gar nicht schlimm. Die sind viel besser als die anderen Windeln.“
Katja lachte. „Das war meine Hoffnung. Schön, dass es dir die Sache erträglicher macht.“ Dabei zog sie mich zu sich und umarmte mich.
„Ich möchte nur, dass es dir gut geht, und hoffe, dass wir das alles bald hinter uns lassen können und endlich zusammen etwas Normalität erleben dürfen.“
„Ich hab dich lieb“, war das Einzige, was ich darauf sagen konnte.
„So, und jetzt lass uns essen“, sagte sie, und wir setzten uns wieder an den Tisch, um die Mahlzeit zu genießen. Es war lecker, aber das Frühstück war besser – und es fehlte ein Dessert. Danach spielte ich noch ein wenig mit den Legofiguren und dem noch nicht fertiggestellten Bagger, bis die beiden auch mit dem Essen fertig waren.
„So, Benjamin, wir beide gehen jetzt noch mal dein Gesicht waschen. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erraten, was es bei dir zu essen gab“, sagte Katja scherzhaft zu mir.
Als wir das WC verließen, wartete die junge Polizistin von gestern bereits auf dem Flur. Sie lächelte mich an.
„Na, kleiner Mann, du bist bestimmt der Gast, der unseren kleinen Ruheraum für seinen Mittagsschlaf bekommt.“
Sie schaute zu Katja. „Brauchen Sie noch etwas, oder können wir los?“
Katja zeigte auf ihre Schulter, wo ihr Rucksack hing. „Nein, ich habe alles. Ist es weit?“
Die Polizistin lachte. „Nein, so schlimm ist es nicht, aber fünf Minuten sind es schon.“
Katja reichte mir ihre Hand, und wir machten uns auf den Weg. Das Gebäude war viel größer, als ich gedacht hatte – so viele Räume, und überall liefen Polizisten umher. Einige lächelten mich freundlich an, andere hatten einen strengen Blick, als wären sie verärgert. An den Wänden hingen viele Bilder, einige zeigten Luftaufnahmen des Gebäudes mit verschiedenen Jahreszahlen darunter.
Nach zwei Etagenwechseln und vielen Fluren erreichten wir einen kleinen Raum, in dem zwei Betten standen.
„Hier nebenan ist noch ein WC, und mit diesem Telefon,“ sie zeigte auf ein fest installiertes Telefon an der Wand, „können Sie uns am Empfang erreichen. Wählen Sie einfach die 1. Schlaf gut, kleiner Mann.“ Damit verließ sie lächelnd das Zimmer.
Katja stellte den Rucksack ab und klopfte auf das Bett, damit ich mich hinsetze. „So, jetzt machen wir erstmal eine Pause.“
„Bleibst du hier bei mir?“, fragte ich unsicher.
Katja hockte sich vor mich und umarmte mich. „Natürlich bleibe ich bei dir. Ich lasse dich nicht mehr aus den Augen, schon vergessen?“
Danach half sie mir, die Schuhe auszuziehen, öffnete die Träger meiner Hose und zog sie mir aus. Sie legte die Hose ordentlich auf einen der beiden Stühle, die vor einem Tisch im Zimmer standen. Dann zog sie kurz meine Unterhose herunter.
„Ich würde sagen, die Windel hält auf jeden Fall noch ein bisschen was aus. Ich muss das nur öfter kontrollieren, da ich mit diesen Windeln noch nicht so viel Erfahrung habe. Nicht, dass uns noch etwas ausläuft.“
Sie zeigte auf die Stelle, wo sie gerade die Bettdecke zurückgeschlagen hatte. „Leg dich hierhin.“ Danach deckte sie mich zu, stand auf und ließ die Außenjalousie ein wenig herunter. Es war jetzt nicht ganz dunkel, aber angenehm dämmrig im Zimmer. Dann griff sie in den Rucksack und holte die Box mit den Schnullern heraus.
„Wollen wir das mal probieren? Geht vielleicht besser als mit dem Daumen.“
Sie reichte mir den Schnuller an den Mund, ohne auf eine Antwort zu warten. Ich öffnete meinen Mund leicht und ließ es geschehen. Es fühlte sich erst ungewohnt an, aber irgendwie auch nicht schlecht, als ich daran saugte. Katja legte sich neben mich auf das Bett und streichelte mir über den Kopf.
„Schlaf gut, Benjamin.“ Ich hatte keine Chance – innerhalb kürzester Zeit war ich eingeschlafen.
Als ich wieder aufwachte, saß Katja auf dem Stuhl und sah zu mir.
„Na, hast du ausgeschlafen?“
Ich wollte antworten, bemerkte aber, dass ich immer noch oder schon wieder am Schnuller nuckelte. Dieses Gefühl war so beruhigend, es ging bis tief in meinen Bauch. Ich wollte den Schnuller nicht mehr hergeben, also nickte ich nur, nachdem ich mich aufgerichtet hatte.
„Willst du mir den Schnulli geben, damit ich ihn wegpacken kann?“
Was? Sie hat ihn mir doch gerade erst gegeben! Nein, auf keinen Fall! Ich schüttelte energisch den Kopf.
Katja schmunzelte. „Oh, da habe ich wohl was angefangen. Der war doch eigentlich nur zum Schlafen gedacht. Aber wenigstens scheint er dir zu gefallen.“
Und wie! Ich nickte begeistert.
„Wir schauen jetzt nach deiner Windel, und wenn wir dich angezogen haben, packen wir den Schnuller erstmal weg. Heute Abend zum Schlafen bekommst du ihn wieder, okay?“ Sie schaute mich dabei mitfühlend an.
Na gut, wenigstens darf ich ihn noch kurz behalten. Also nickte ich vorsichtig.
„Super, dann lass uns mal schauen, was deine Windel macht.“ Sie fühlte sich immer noch gut an. Ich spürte, dass sie ziemlich aufgequollen war. Sie hatte meine Körperwärme angenommen und fühlte sich überhaupt nicht nass an – kein Vergleich zu den anderen Windeln.
Katja zog meine Unterhose herunter, nachdem sie mich sanft in die Liegeposition gedrückt hatte. Während ich weiter am Schnuller nuckelte, kommentierte Katja:
„Ich würde sagen, wir wechseln lieber. Die sieht schon ziemlich voll aus. Findest du sie jetzt unangenehm?“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Dann war es die richtige Entscheidung. Nur der Nachteil ist, dass ich dich wohl in Zukunft öfter kontrollieren muss, wenn es dich nicht stört, wenn sie voll ist. Aber ich denke, das kriegen wir hin.“
Sie wechselte mir routiniert die Windel und zog mich leider viel zu schnell wieder an. Nachdem sie mir in die Schuhe geholfen hatte, zog sie mir sanft den Schnuller aus dem Mund. Ich vermisste ihn jetzt schon.
Sie nahm den Telefonhörer in die Hand.
„Hallo, hier ist Frau Hofmeister. Ich habe vorhin ganz vergessen, nach dem Namen der jungen Polizistin zu fragen, die mich und den kleinen Benjamin in das Ruhezimmer begleitet hat.“ Pause. „Frau Berger? Okay. Ist Frau Berger da? Super, ja, ich warte.“ Katja streichelte mir über den Kopf und sah mich liebevoll an, während sie vermutlich auf das Gespräch wartete.
„Ah, hallo Frau Berger, hier ist Frau Hofmeister mit dem kleinen Benjamin. Wir wären dann soweit. Ist Frau Grünwald schon zurück? Okay, wir warten hier.“
Sie legte auf und sah zu mir. „Frau Grünwald ist noch nicht zurück, aber gleich kommt ein Polizist, der uns in ein sicheres Haus bringt, da Frau Grünwald heute nicht mehr zurück auf das Revier kommt. Alles Weitere will man uns dann erklären.“
Wir setzten uns auf das Bett, und Katja nahm mich auf den Schoß. Sie drückte mich fest an ihre Brust, während wir auf unseren Wegführer warteten. Sie flüsterte mir ins Ohr:
„Dich gebe ich nicht mehr her. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal jemanden so sehr liebhaben könnte.“
„Ich hab dich auch ganz doll lieb“, antwortete ich.
Nach einer gefühlten kurzen Zeit klopfte es an der Tür, und die Kuschelzeit war erst mal vorbei.
„Frau Hofmeister?“
Katja stand auf, nahm ihren Rucksack und öffnete mit mir an der Hand die Tür.
„Hallo, Frau Berger. Wie läuft das jetzt ab?“, fragte Katja die Polizistin, während wir den Gang zurückliefen, den wir gekommen waren.
„Sie warten jetzt nochmal kurz in dem Besprechungsraum, den Sie schon kennen. In etwa einer Stunde kommen zwei Kollegen, die Sie, Herrn Huber und Benjamin in eine sichere Unterkunft bringen. Wo diese ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Das sind sicherheitsrelevante Informationen, die nur diejenigen bekommen, die es unbedingt wissen müssen.“
„Aber wir bleiben doch bestimmt in der Region, oder?“, fragte Katja leicht besorgt.
„Wie gesagt, ich weiß nicht, wo Sie hingebracht werden. Sie sind die ersten Personen, bei denen ich erlebe, dass sie in so eine Einrichtung kommen. Aber ein paar Informationen kann ich Ihnen schon mit auf den Weg geben. Notieren Sie sich die wichtigsten Telefonnummern aus Ihrem Telefon. Können Sie den Akku Ihres Telefons entfernen?“
Katja nahm ihr Smartphone in die Hand und drehte es nachdenklich. Es schien größer zu sein als mein altes Telefon, aber das kann auch am Perspektivwechsel liegen. „Das weiß ich gar nicht, aber ich denke nicht.“
„Dann sollten Sie es hier lassen. Es wird bei uns sicher verwahrt. Wenn es Personen gibt, die Sie unbedingt erreichen müssen, wie Ihre Eltern, können Sie ihnen eine Kontakt-Nummer geben. Man wird sich dann mit ihnen in Verbindung setzen und eine sichere Verbindung organisieren. In der Einrichtung wird es keine internetfähigen Geräte geben. Ich habe das Herrn Huber vorhin auch schon erklärt.“
Als wir das Besprechungszimmer betraten, wurden wir sofort von Thomas begrüßt.
„Hallo, ihr zwei!“ sagte er und warf mir einen Blick zu.
„Gut geschlafen?“
Ich nickte zur Bestätigung.
Auf dem Tisch stand eine Wasserflasche und drei Gläser, in einem war bereits etwas eingefüllt.
Ich schaute zu Katja hoch:
„Kann ich etwas trinken?“ Die Nudeln vorhin waren ziemlich würzig gewesen.
„Du sollst sogar etwas trinken“, sagte Katja mit einem Lächeln. „Du trinkst eh viel zu wenig. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.“
Thomas kommentierte: „Anja hat für die Zwillinge immer eine Trinkflasche dabei. Das sorgt dafür, dass wir sehr regelmäßig Toilettenpausen einlegen müssen, aber das Problem habt ihr vorerst wohl nicht.“
Katja lachte und klopfte mir sanft auf den Po.
„Stimmt, das kann man auch als Vorteil sehen. Aber wo du gerade deine Familie erwähnst – hast du schon mit ihnen gesprochen? Die Polizistin hat mir eben gesagt, dass wir nicht so ohne Weiteres Kontakt mit der Familie und anderen Angehörigen halten können.“
Thomas lächelte. „Ja, Benjamin bekommt ein paar Spielgefährten. Anja kommt mit den Zwillingen zu uns. Frau Grünwald hat Verständnis dafür gezeigt, dass ich meine Familie nicht so lange im Ungewissen lassen kann. Sie hat mir dafür gedankt, dass ich Benjamin auf seinem Weg begleite.“
Katja strahlte vor Freude. „Das klingt ja großartig! Außerdem musst du dir dann keine Sorgen mehr um ihre Sicherheit machen. Und hast du auch mit Herrn Obermeyer gesprochen?“
Thomas nickte. „Ja, ich bin erst mal freigestellt. Herr Obermeyer hat verstanden, dass Benjamin im Moment besondere Unterstützung braucht. Ich denke, wir sollten ihn besuchen und uns bei ihm bedanken, wenn das alles vorbei ist.“
Dabei schaute er zu mir. „Wie wir das am Ende finanziell regeln, werden wir sehen. Aber ich denke, dafür findet sich auch eine Lösung, und selbst wenn nicht, geht die Welt davon nicht unter.“
Katja füllte mir ein Glas Wasser ein, und ich wollte es gerade greifen, als sie mich zurückhielt.
„Setz dich bitte an den Tisch zum Trinken.“ Dabei wuschelte sie mir durch die Haare.
Thomas schob ihr einen Block und einen Kugelschreiber rüber.
„Du kannst schon mal anfangen, alle Nummern aufzuschreiben, die du vielleicht brauchen könntest. Ich habe das schon erledigt.“
Nebenbei erzählte Thomas: „Anja und die Zwillinge kommen frühestens morgen zu uns. Sie werden direkt auf Rügen abgeholt – besser als mit jedem Reiseunternehmen.“ Er lachte kurz.
Nachdem ich getrunken hatte, zog ich mir den Legobagger heran, um ihn fertigzubauen.
„Kannst du mir helfen?“ fragte ich hoffnungsvoll Thomas, da Katja mit dem Block und ihrem Telefon beschäftigt schien.
„Klar! Ich liebe Lego und kann es kaum erwarten, bis die Zwillinge auch begeistert sind. Sie sind fünf Jahre alt und spielen bisher mit Lego Duplo. Aber zu Weihnachten bekommen sie ihr erstes ‚richtiges‘ Lego – aber psst, nicht verraten!“ Er zwinkerte mir zu.
Mit Thomas‘ Hilfe war der Bagger schnell fertig. Er wandte sich wieder an Katja:
„Du solltest auch gleich eine Liste machen, was du für dich und Benjamin brauchst. Ich glaube nicht, dass wir normal einkaufen können. Man wird uns wohl alles Nötige bringen.“
„Stimmt“, sagte Katja, „daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vielleicht sollte ich gleich mal mit Anja telefonieren. Ein bisschen Unterstützung von einer erfahrenen Mutter kann nicht schaden.“
Ich zog mich mit dem Bagger auf die Couch zurück, um in Ruhe zu spielen. Das Gespräch war für mich nicht mehr so interessant, und das Baggern machte viel mehr Spaß. Ich brauche auf jeden Fall noch einen Kipplaster und einen Kran – ach, ich könnte noch so viel mehr Lego gebrauchen.
Während ich spielte, merkte ich, wie meine Windel aufquoll, aber es störte mich nicht. Was mich allerdings mehr störte, war das ein andere dringendes Bedürfnis raus wollte. Aber das Spielen war gerade wichtiger, das musste also warten. Kurz darauf entwich mir ein Lüftchen, und ich realisierte, dass Warten keine Option mehr war.
Ich ging schnell zu Katja und zog sie am Arm.
„Katja, ich …“ Sie war gerade am Telefon. „Meinst du, dass ich ihm …“ Ich zog noch einmal an ihrem Arm. „Ich muss ganz dringend!“ sagte ich und konnte es kaum noch zurückhalten.
Katja legte das Telefon zur Seite. „Ich ruf gleich zurück, ich muss mich kurz um Benjamin kümmern.“
Sie hockte sich vor mich. „Musst du mal groß?“
Ich nickte heftig.
Katja hob mich hoch und wollte mit mir zur Tür eilen, doch es war zu spät. Es ging nicht mehr – ich konnte es nicht mehr zurückhalten, und es drückte sich in die Windel. Katja blieb stehen, stellte mich auf den Boden und hockte sich vor mich.
„Quäl dich nicht. Drück es einfach raus. Ich mach dich dann sauber, das ist überhaupt nicht schlimm. Dafür sind Windeln da.“ Dabei hielt sie meine Hände und sah mich mitfühlend an.
Dankbar für ihre Reaktion, knickte ich die Beine leicht ein und drückte den Rest heraus. Es war ein befreiendes Gefühl, aber trotzdem wollte ich so schnell wie möglich aus der Windel heraus. Tränen stiegen mir in die Augen.
Fortsetzung folgt…
Danke für die vielen Kommentare
Autor: michaneo | Eingesandt via Mail
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Ich liebe die Geschichte. Wenn ich deine Texte lese, überkommt mich ein Gefühl von Geborgenheit
Ich freue mich auf die nächsten Teile
Wieder eine mega Story. Weiter so. Bin sehr gespannt
Wie immer großartiger Teil, freue mich schon auf den nächsten Teil .
Ich kommentiere im Internet eher ungern, aber diese Geschichte ist so gut, dass ich mich überwunden habe. Ich finde deinen Schreibstil und auch die Idee an sich einfach super und freue mich auf alles was du noch schreibst.